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geregt trat ſie eines Abends an Faver's Arm in den Salon, ſchon ganz erzürnt, ja empört.
„Est-il possible!“ rief ſie, ihre Unterredung fortſetzend, während
Dubois mit der ruhigen Grazie eines ſchalkhaften Dämons ſeine Blicke über den Prachtbau ihrer Toilette gleiten ließ;—„est-il possible könnte ſich untreu werden? Frankreich nicht mehr die Blüthe der Cultur?!“
„Es hat ſo lange geblüht,“ ſagte Dubois,„daß man wohl endlich fragen darf, wie es mit ſeinen Früchten ſteht. Und ſiehe, ſie ſind faul, fallen ab, von Würmern zernagt!“
„Mon Dieu!“ entgegnete Ninon,„S Sie wollen fagen, von den Sphe etwas angepickt und benaſcht, und das, mon cher, ſind die ſüßeſten Früchte— ſagt man!“
„Sagt man!“ wiederholte Dubois,—„wir ſprechen alſo vom Hörenſagen.“ Der Satyr im Lächeln ſeiner Lippen erſchien im wunderbaren Widerſtreit mit dem faſt melancholiſchen Schimmer ſeines
düſteren Auges.—„Gleichniſſe aus dem Bereiche des Scherzes und
der Gourmandiſe,“ fuhr er gelaſſen fort,„reichen hier nicht aus; es handelt ſich um die moraliſche Fäulniß der ganzen Civiliſativn.“
„Aber Frankreich, Paris, der Heerd der Bildung!“ Ninon faltete ordentlich fromm die Hände; ſo weit ging ihr Erſtaunen.
„Frankreich,“ ſagte Dubois,„wird nicht aufhören, der Heerd der Ereigniſſe zu ſein, den Völkern voranzugehen, wenigſtens zu experi⸗ mentiren. Es macht bereits den Anfang, die Verlorenheit der alten Exiſtenz einzuſehen. Ich fand in Verſailles am Hofe den Geſchmack à la Rouſſeau in Mode, freilich vor der Hand nur als Scherz, als Epiſode, um den piquanten Reiz der Natureinfalt zu probiren. Aber es wird tiefer greifen. Was man als Spielzeug liebgewinnt, wird in anderen Händen eine Waffe ſein. Man wird in der Cultur, wie ſie iſt, den Wurmfraß der Menſchheit erkennen lernen. Iſt man erſt zu der Parallele zwiſchen dem wilden und dem civiliſirten Menſchen gekommen, ſo kann man nicht zweifelhaft bleiben, auf welcher Seite die Rettung, die Möglichkeit zu einem vernunftgemäßen Leben zu ſuchen ſei. Die Civiliſation iſt zu einem Syſtem überlieferter Thor⸗ heiten geworden, denn Wahrheiten, die ſich ausgelebt haben und noch fortexiſtiren, ſind thöricht; waffnen ſie ſich gegen die Neuerung, ſchädlich;
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