Teil eines Werkes 
2 (1855) [Xaver Dubois]
Entstehung
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Daß er ſeine Beziehung zu mir nicht direct aufnahm, lag zum Theil auch in dem Umſtande, daß Magiſter Peterhagen mich damals noch zur kirchlichen Einſegnung erſt vorbereitete, um mich dann dem Hofprediger zumFertigmachen im Glauben zu überantworten. Bevor ich Menſch werden ſollte, mußte ich ein fertiger Chriſt ſein. Der Zutritt zum Salon der Oberſthofmeiſterin ward mir in jener Epoche nur ſelten, nur unter Beſchränkungen geſtattet. Die Tendenz zum Aphroditiſchen, ſagte mein Peterhagen, müßte in mir wieder abgedämpft werden! Um dieſe Abdämpfung des Weltlichen vollſtändig zu erzielen, war Minna⸗Lottchen vom Hofe verſchwunden; man hatte ſie zu einer Baſe Ninon's nach Schwaben auf's Land gethan; ich ſah ſie als Jüng⸗ ling nie wieder. Ob der kleine angeſponnene Trödel mit ihr mein Herz verderbt, ob er das Chriſtenthum in mir beeinträchtigt, ob er nicht vielmehr meine innere Herausbildung gefördert: ich will es nicht entſcheiden. Ich weiß nur, daß ein Hang zur Sentimentalität, ſeit⸗ dem ihm die Nahrung der äußeren Sinne entzogen war, ſich tiefer der feineren Nerven meines Geiſtes bemächtigte und mich Kämpfe be⸗ ſtehen ließ, die ſchwieriger und drohender waren, als ein kleiner loſer Herzensſchwindel.

In meinen Studien zum Chriſtenthum fing ich ſo ziemlich da wieder an, wo ich bei'm alten Pfarrer im einſamen Jagdhauſe ſtehen geblieben. Ich war reifer geworden, hatte eine Reihe von Erfahrungen hinter mir, einige Einblicke gethan in menſchliche Dinge: aber in Bezug auf die zehn Gebote begriff ich noch immer nicht, warum ſie Moſes vom Sinai herunter holte, ſie von oben herab decretirte, ſtatt ſie den Menſchen als ihr natürliches Bedürfniß aus ihnen ſelbſt zu entwickeln. Ich wollte das Gute lieben lernen, es mir nicht mit einem Anathem von Schreckworten andonnern, unter Höllenſtrafen androhen laſſen. Auch auf Golgatha ward mir nicht auf die Dauer wohl. Ich fühlte zwar, daß dort der edelſte und reinſte der Menſchen geopfert ward, allein ich begriff darum noch nicht die Nöthigung, daß Jeder eben ſo beſtimmt und bereit ſein ſolle zu ſchmachvollem Tode. Das Leben der Menſchen ſtrafte tagtäglich dieſe Forderung Lügen. Freilich ſorgten Haß, Verfolgungsſucht und Unduldſamkeit dafür, den Verkehr der Men⸗ ſchen zu einer wilden Hetzjagd zu machen. Aber Chriſtus, der milde, edle Liebling Gottes, wollte das nicht. Er wollte ſo wenig, daß