Erſtes Rapitel.
Etiquette und Freiheit; alte und neue Zeit.
Wir waren aus der Schweiz nach Belle Promeſſe zurückgekehrt. Nach der Präſentation bei Hofe in Ninon's Cercle ſchien es nicht, als ſollte Kaver, Monſieur Dubois, wie er vorgeſtellt ward, den Magiſter Gouverneur ſofort bei mir ablöſen. Er hatte im Gegentheil, wie ich ſpäter erfuhr, dem Großvater Erlaucht ſein Bedenken und ſeine natürliche Scheu geäußert, einem jungen Manne, den er leiten ſolle, aufgedrängt und commandirt zu werden. Er wollte nicht gern ohne meine Wahl, wenigſtens nicht gern ohne meine Sympathie für ihn, mein Mentor ſein. Ich ſah ihn täglich bei Tafel, aber er rich⸗ tete nie ſeine Rede an mich. Ich fuhr, ich ritt mit ihm aus, nahm Theil an den Fechtübungen, die er mit einigen Hofherren regelmäßig hielt; aber ich kam ihm damit nicht näher. Er war in allen dieſen ritterlichen Uebungen ziemlich Meiſter; auch ſchien er ſich im Glanz dieſer Eigenſchaften des Cavaliers zu gefallen; es that mir faſt wehe, daß ich in alle dem ſein Herz nicht finden, den Kern ſeines eigent⸗ lichen Menſchen nicht entdecken, nicht für mich erobern konnte. Im Cirkel der Damen war er brillant und witzig, gegen den Reichsfürſten perſönlich devot, in ſeinen Aeußerungen mitunter keck und aufgeklärt, aber doch behutſam und auf der Lauer. Nur ſeine Bitterkeiten gegen Jeſuiten und Römlinge konnten Dem, der darum wußte, den früheren Zögling des Ordens verrathen. Bei'm Reichsgrafen machte er damit Glück, und doch war er mäßig im Genuß dieſer Triumphe. Um ſo ſicherer ſtieg er, wie Niemand jemals, in deſſen Gunſt. Dubvis ward, vielleicht ohne es zu wiſſen und zu wollen, der erklärte Günſtling, die mächtigſte Perſon am Hofe zu Belle Promeſſe. Seine Vergangen⸗ heit ſchien wie ein Grab für ihn abgeſchloſſen zu ſein.


