— 396—
zu ſehr von Furcht befangen, um ſchon den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich ſaß und lauſchte. Ihr leiſer Schritt ſchwebte wieder über den Balken, das Gewand rauſchte über den Boden hin. Ich zitterte heftig und doch wagte ich nicht mich zu regen. Wie gebannt ſaß ich auf der Stelle feſt und fühlte doch die Fähigkeit, meine Seele freier und ſelbſtändiger zu bewegen als ſonſt, von der Schwere des Körpers gelöſt und von einer wunderbaren Macht beflügelt. Ich fühlte Leib und Seele in mir getrennt und meinen Geiſt in einen lichteren Stoff gekleidet, in deſſen Hülle er ganz neu athmete. Es war mir, als ſtänd' ich oben unter dem Dach der Hütte, die ſich in einen Tempel Gottes verwandelt hatte, als kniete Mormona vor einem Altar, auf dem ſie ihr Herz darbringen wollte, und als wär' ich als Prieſter ihr links und rechts behülflich, ihr das Opfer zu erleichtern. Traum und Wirklichkeit liefen wirr durcheinander, und doch war ich mir des Wachens bewußt. Endlich ſchlief ich feſt und ſicher ein. Da war mir, als ſtieg ich, dem kecken Gemſenjäger gleich, von Fels zu Fels. Immer reiner ward die ätheriſche Luft, immer leichter mein Schritt. Oben auf der Spitze, den Firſt der Bergwand entlang, ſchwebte eine flatternde Mädchengeſtalt. Ich jagte ihr nach, und wie ich ſie endlich am Saume ihres Gewandes erhaſchte, ſank ſie plötzlich mit lautem Schrei in meine Arme. Es war Mormona. Aber ſie ſah unendlich leidend aus, ihr helles Auge ſchien in Gram aufgelbſt. Wie ich ſie küßte, lächelte ſie ſchmerzlich und ich hätte vor geheimem Weh vergehen mögen. Sie entwand ſich meinen Armen und ſchwebte wieder ungewiß in der Luft. Wie ſie ſinken wollte, ſchrie ich auf, denn ich war unfähig, ſie mit den Händen zu faſſen. Da rauſchte es wie mit Fittigen über ſie her, ein weiter Mantel umhüllte ſie von beiden Seiten, zwei Arme unſchloſſen rücklings ihren Leib, eine kräftige Geſtalt führte ſie auf Flügeln himmelwärts, und das dunkle Auge einer ernſten Frau blickte aus den Wolken auf mich herab. Ich weiß nicht, war es meine unglückliche Mutter oder die alte Waldenſerin,
die Ahnmutter unſeres Hauſes, welche die Leidende an ihrer Hand
hinauf in die Wohnungen der Seligen führte.
Mit dem heranbrechenden Morgenlicht ſchwanden die Geſtalten; aber ich wußte, daß ich wach war, als mich Pirrho rief und zum Aufbruch gemahnte. Meine Miſſionsgedanken hatten ſeit jener Nacht


