n
3
heiten und Bedürfniſſen. Euer waldenſiſches Chriſtenthum iſt eine Stufe für menſchliche Kindheit, Ihr ſeid Waiſen, die ſich trotzig gegen die Welt wehren und Niemand angehören wollen. Oder Euer Glaube müßte für eine Horde von Räubern ſein, die ihre Wildheit für be⸗ rechtigt halten, die Welt alles Heiligen zu entkleiden und ihr abzu⸗ trotzen, was ſie nicht freiwillig gibt!“
Pirrho lag ſtill am Boden, er ſchlief entweder, oder ſtellte ſich ſchlafen. Es hatte mir wohlgethan, mein Chriſtenthum vertheidigen zu müſſen. Ich glaubte jetzt erſt recht feſt an meinen Glauben, da ich die Weltregierung Gottes damit zu rechtfertigen hatte. Zugleich fühlte ich plötzlich, was unſerm Chriſtenthum fehlt. Unſern Prieſtern fehlt es an dem lebendigen Geiſt, der am Pfingſttag ausgegoſſen iſt. Jene Erleuchtung, die wie mit hundert Zungen redet, in die Welt zieht und alle Völker gewinnt, kommt nicht mehr über die Stell⸗ vertreter und Boten Gottes.
Wie ich ſchwieg, war Mormona aufgeſtanden. Ihre Augen leuchteten mich ungewiß an.
„Sind ſie denn Alle da unten ſo mild?“ fragte ſie mit ſcheuer, zitternder Stimme.
„Die Menſchen, Mormona, haben immer verdorben, was urſprüng⸗ lich rein war vor Gott.“
„Lehren das auch Euere Prieſter?“ fragte ſie nach einer Weile von neuem.
„Ich will es dir lehren, Mormona, ich will dein Prieſter ſein!“
Ich reichte ihr die Hand und ſie legte zögernd ihre Linke in die meinige, während ſie ihre Rechte an ſich preßte. Ihre Augen⸗ lider ſenkten ſich; aber ſie ward nicht roth, es zog vielmehr jene leiſe Bläſſe über ihr Antlitz, wie ſie mir am Heiligenfeſte erſchienen war, ſo durchſichtig hell, wie gelöſt von allem leiblichen Bande. Wie ich ihre Hand feſthielt, zuckte ſie in ſich zuſammen und wandte ſich ab. Pirrho regte ſich am Boden und wir traten auseinander. Die Däm⸗ merung brach herein; Mormona verließ ſchweigend das Zimmer.
Ein ſanftes Feuer durchleuchtete mein Herz. Mitten im Dunkel ſah ich helle Geſtalten, lichte Schatten auf und niederſchweben, gute Genien, freundliche Abbilder meiner Seele, denen nur noch die Sprache fehlte, um ihr Glück zu ermeſſen, noch zu ſcheu und ſchüchtern, noch


