wahre Freude noch nicht kennt. Wohl iſt das Leben nicht um des Todes willen da, aber eine Religion, die dem Tode und den Schmerzen nichts abzugewinnen weiß, verſteht wohl ſehr wenig vom Leben der Menſchen und ihrem dunklen Drange. Auch die Natur ſtirbt ab, hat Schmerzen und trauert. Der Orkan reißt die Hütten nieder und ein wilder Dämon läßt nicht ab und iſt immer geſchäftig, die Saat des Guten zu zerſtören. Wir müßten, wenn wir nicht um den geſtorbenen Chriſtus trauerten, der Natur ein Todtenfeſt halten, damit ſich der Menſch mit ſeinen Schmerzen ein Genüge ſchaffte.“
Mormona war am Boden niedergekniet, ſie hatte ihr Geſicht in beide Hände geſenkt. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte mich Pirrho an. Dann wälzte er ſich wieder ſeinem Lager zurecht und murmelte vom langen Pietro, der es doch beſſer wüßte, wie es mit dem Chriſtenthum der Römer ſtände.— Was ich ihm geſagt, ging freilich über ſein nächſtes Bedürfniß hinaus, deßhalb verſtand er mein Chriſtenthum nicht. Ich aber glaubte das ſeinige zu ver⸗ ſtehen, ohne es für das alleinige Evangelium zu halten.„Euere Religion,“ ſagt' ich,„iſt in ihrem Urſprunge ſo heilig, wie jede. Nur ein Erleuchteter konnte den Gedanken faſſen, den Gottesdienſt wieder bis auf ſeine erſten Bedürfniſſe zurückzuführen. Euer einfacher Glaube iſt gültig, ſo lange Ihr ſelbſt die einfachen Geſchöpfe der Wüſte bleibt; Kindern genügt ein Kinderglaube.“
„Nu! nu! Wird ſind nicht ſchlechter als Ihr,“ murrte Pirrho.
„Die Erwachſenen ſind nicht beſſer, aber ihr Leben iſt voller, reicher geworden, die Kräfte haben ſich erweitert. Iſt der Zwieſpalt ein Mal eingetreten, vom Baume der Erkenntniß die Frucht gebrochen, die Sünde als die That des freien Willens in die Welt gekommen, ſo herrſchen gute Geiſter und Dämonen im wechſelvollen Spiel. Die Menſchenwelt, mein Freund, hat ſich wie die Natur entwickelt t, ſtufen⸗ weiſe. Wer will das Pflanzenleben mißachten. Es iſt lieb⸗ licher, zarter, unſchuldsvoller, als die nächſte Stufe der Entfal tung; aber dieſe nächſte Stufe, das Thierreich, iſt eine Entwickelung reicherer Kräfte, ſtärkerer Gewalten. Leidenſchaften ſind in ihr wach geworden, der Selbſtwille fängt an ſich frei zu machen und zum Bewufßtſein über Bös und Gut iſt ein Schritt mehr gethan. Das römiſche Chriſtenthum iſt nur die reichere Entfaltung einer Summe von Wahr⸗


