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volle Miene des Alters, durch einen Zug des Leidens gedämpft. Er kam nie in die Niederungen herab, hatte ſeit Jahrzehnden nicht die Städte und Dörfer der Menſchen betreten. Schon die Heiligenbilder an den Straßen erregten ihm einen Widerwillen, den er nicht über⸗ wand. Er ſchlägt mit den Beinen ein Kreuz, hatte mir Pirrho er⸗ zählt, wenn er den Heiland am Kreuze ſieht, macht Kehrum und läuft davon!
Pietro las die Epiſtel des Tages ſatzweiſe vor, ſo daß die Ge⸗ meinde insgeſammt die Worte nachſprach. Dann knüpfte der Redner in ſeiner harten, kargen, aber einfach kräftigen Weiſe ſeine Betrach⸗ tungen daran. Er ſprach von der Grauſamkeit der Welt, von den Qualen der unſchuldig Verfolgten. Es war der Trotz des ungerecht Mißhandelten, den er predigte; die Religion der Unſchuld, die dem Schaffot entfloh, gewann in ſeiner Rede ihren Ausdruck. Die Ge⸗ ſchichte der Waldenſer beſtätigte jedes ſeiner Worte, aber die Wahrheit ſeiner Behauptungen ſtützte ſich nur auf die Vergangenheit und ihre Sünden. Dies Chriſtenthum der Höhlen und Schluchten verliert wie das Judenthum ſeine Berechtigung, wenn die Verfolgungen aufhören. Es iſt ſo gut wie der römiſche Glaube an die Heiligen und Mär⸗ tyrer, eine überlieferte Lehre. Von eigenthümlicher Bedeutung war jedoch für mich der Schluß der Rede.„Sie feiern da unten,“ ſprach Pietro,„den Tod des Herrn. Sie umhüllen ihn mit ſchwarzen Ge⸗ wändern und umräuchern ſeine Leiche. Sie wiſſen nicht was ſie thun; wir aber wiſſen, daß er ihnen nicht verzeihen wird. Sie ſelber tödten den Herrn, denn ſie tödten ihn in Jedem von uns. Was ſie dem Geringſten unter uns thun, das thun ſie ihm, und ſo ſind ſie die Ungläubigen, die ihn alltäglich an's Kreuz ſchlagen, eine Schaar von Judas Iſchariots, die ihn ſtündlich verrathen und verkaufen. Herr,
unſer Gott, wendeſt du dein Antlitz vom Schauplatz der Erde?“
Magſt du die aufgeputzten Gräuel der Welt nicht ſehen?— Wende dich wieder zu uns, Herr, und führe uns nicht in die Verſuchung, zu glauben, du könnteſt dich in uns tödten laſſen, ohne wieder auf⸗ zuerſtehen! Amen!“— Ein kurzes Gebet folgte der Rede, dann hatte der Geiſtliche ſein Amt verſehen, hing ſein Feiertagsfell wieder auf und miſchte ſich unter die Brüder, die von neuem den heulenden Geſang begannen. Eine allgemeine Umarmung vertrat die Stelle des


