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die jungen Zöglinge der Jeſuitenſchule gehalten wurden, ſo mußte man doch behutſam auf meine Geſundheit achten. War ich doch der einzige Sproß der alten Familie. Ich lernte ohne Sträuben, ſchien fügſam und gutartig. Bei alledem war ich trotz der ſcheinbaren Schwächlichkeit eine zähe Natur, paſſiv dauerhaft, obwohl in dem was vor Augen lag, nicht viel leiſtend. Ich duldete ruhig meine Zucht, es fiel mir nicht ein, lieber wie ein junger Cavalier zu Pferde ſitzen zu wollen, als klöſterlich mit Büchern zu verkehren. Der welt⸗ liche Trieb war jedoch nicht in mir erſtickt. Vielmehr hatte ich ſchnell durch eine Gunſt der Schickung eine Auskunft gefunden, die mein Inſtinet ſich ſelbſt verſchaffte. Der Drang zum Geheimniß war in mir da ich gab ihm eine ſchnelle Nahrung. Ich trieb Tages über meine Studien getreu und ehrlich, Nachts aber, wenn ich als ſchläfrig entlaſſen war, wenn die Hüter ſelbſt ſchliefen und ſicher zu ſein glaubten, ſchüttelte ich den Zwang von mir. Meine Seele athmete auf, wenn die Nacht aus dem Meere tauchte. Mich reizten die Schauer der Dunkelheit und die Gefahren auf den Wogen des unermeßlichen Elementes. Ich ſtieg aus dem Fenſter, ging an den Strand, lief an die Mole, wo die Fahrzeuge buchten, nahm ein Boot und fuhr in's Meer hinaus. Anfangs hielt ich mich in der Bucht zwiſchen den Hafendämmen. Der Fiſcher, den ich miethete, ward mein Freund, ich liebte ihn wie meinen Retter. Wenn Genua, die wunderbare Felſenſtadt, mit ihren Paläſten, Terraſſen und Thür⸗ men im Mondſchein hinter mir aufſtieg und die kleine Barke durch
die hundert Schiffe hin und her glitt, hab' ich oft meinen Fährmann
umarmt vor lauter Luſt am ſchönen, geheimnißreichen Leben, das mir
in der Mitte der Nacht ſeine tiefſten Schätze, ſeine verborgenen Selt—
ſamkeiten zu verheißen ſchien. Oft fuhr ich allein; ich lernte rudern,
wagte mich weit hinaus in's offene Meer; erſt mit dem dämmernden
Morgen kehrte ich heim. Ob mein Lehrer darum wußte, ob er zu⸗
weilen von weitem mir folgte, erfuhr ich damals nicht. Die nächt⸗
lichen Freiſtunden waren eine ſtillſchweigende Bedingung meines ſonſt
guten Verhaltens. Ich vollzog, was man mir als Pflicht auferlegte, ich war dem Geſetze gehorſam, gewöhnte mich in einen großen Zu⸗ ſammenhang, der mir wie Nothwendigkeit erſchien. Aber ich verlangte innerhalb dieſer Schranken eine heimliche Freiheit, verlangte im Stillen


