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gewaltſam den Frieden zu ſuchen, den ihn daheim ſein Gewiſſen nicht finden ließ. War in meiner Mutter die Waldenſerin nicht ganz ge⸗ tilgt? Hatte ſich in ihr jener unverwüſtliche Reſt des ſtarren Unglau— bens geregt? Es war Thatſache, daß ſie in Gram und Einſamkeit ſchnell alterte, für kurze Liebesfreude einen frühen Tod erntete. Sie ſtarb ſehr plötzlich, ohne Nachtmahl, ohne Verſöhnung mit ihrem Gatten, in der Entbehrung ihres einzigen Kindes, das man ihr entzog.
Um mich vor ähnlichem Zwieſpalt und Unheil zu bewahren, ward ich ſchon früh aus dem elterlichen Schloſſe entfernt und nach Genua in das Seminar der Jeſuiten gebracht, wo ich unter Obhut unſeres ehemaligen Caplans heranwuchs, der von ſeinem Orden nach Genua zurückberufen, ſpäter Rector des Collegiums, endlich Provin⸗ zial der Geſellſchaft wurde. Ich wußte lange nicht, was ſich Ver⸗ hängnißvolles im Hauſe der Meinigen geſtaltete und dort noch immer⸗ fort Himmel und Hölle in Streit erhielt. Aber der Haß gegen Ketzer, der Abſcheu gegen die verlorenen Kinder in den Bergen ſollte in mir nicht blos als Aberglaube, ſondern durch Predigt und Moralphilo⸗ ſophie wiſſenſchaftlich begründet und ſo tief eingepflanzt werden, daß jede Berührung mit Ungläubigen mir wie Todſünde erſchien. So ward ich mehr prieſterlich erzogen als für die Welt und meinen Stand. Das alte Schickſal meines Hauſes ſollte mit allen weltlichen Gelüſten in mir ertödtet werden. Ich hatte vielleicht von früh an in meinem Weſen eine Scheu vor Menſchen, doch weil man angeblich aus Gottes⸗ furcht ſo aberwitzig war, mir förmlich Menſchenhaß zu lehren, ſo ward ich ſtutzig und ein geheimer Trotz in meiner Natur entſchied ſich bald für das Gegentheil; aus dem Haß, den man ſäen gewollt, wurde Mitleid und Liebe. Dieſer Trotz, dieſer Reiz zum Widerſpruch iſt wohl das eigentlich Schickſalsvolle in der Geſchichte meines Hauſes, nicht die waldenſiſchen Mädchen im Waldesgrün! Dieſer Trotz gab uns den Hang, das Verborgene, das Namenloſe, das Unenträthſelte aufzuſuchen. Und zu dieſem Geheimnißvollen gehörten freilich die Ketzer in den Bergen, die man uns als Kobolde, als Vampyre ſchilderte.
Ich wuchs langſam auf, war zarter und ſchwacher Art. Man mußte mich ſchonen, that mir keinen Zwang an, und ſo ſtreng ſonſt


