Teil eines Werkes 
3 (1855) [Graf Guiseppe della Torre]
Entstehung
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aus dem Verſteck aufgeſcheucht. Ihre Gefährten waren gefangen, lagen gebunden am Boden. Sie allein entſprang den Verfolgern und kletterte, ihre Büchſe in der Hand, vor den Augen ihrer Feinde die Felſen hinan. Sie lud und ſchoß nicht ohne Glück auf die Vor⸗ witzigen, die ihr nahten. Wie eine Gemſe ſtieg ſie von einer Kuppe zur anderen, der eiteln Verſuche ſpottend, ihr zu folgen. Als ihr das Pulver ausging, rollte ſie Felsſteine in die Tiefe. Die Erbit⸗ terung der Jäger ſtieg zur Wuth. Im Inneren meines Vaters aber wurden andere Gefühle wach. Ihn reizte die junge verwegene Mäd⸗ chenſeele. Er parlamentirte mit ihr wie mit einem ehrenwerthen Feinde, verſprach ihr die Freiheit, wenn ſie ſich ergeben wolle. Sie kam herunter und ſtreckte ihr Genvehr. Mein Vater gab den ganzen Haufen der Waldenſer frei. Das erſchütterte das junge Mädchenherz. Die räuberiſchen Geſellen, mit den Waffen in der Hand gefangen, des nahen Todes gewiß und ſo plötzlich aller Strafe ledig, ihres Lebens wieder froh, jubelten und lärmten in ausgelaſſener Luſt. Sie aber war ſtill geworden. Sie erklärte, nicht wieder in die Berge zurückzukehren; ſie bot ſich als Geißel an, als Bürgſchaft, daß keiner von den Ihrigen je wieder Waldfrevel üben werde. Sie ſchien faſt zu ſtolz, die Freiheit der Brüder ohne Gegenbuße als Geſchenk an⸗ zunehmen. Mein Vater führte ſie mit ſich fort. Während ſie ſich zu ſeiner Gefangenen erklärte, war ſein Herz ſchon in ihren Banden; der Geiſt der Berge war über ihn gekommen. Seine Großmuth hatte ſie überraſcht und ſie liebte ihn eben ſo plötzlich mit leidenſchaftlicher Gewalt. Sie wurde römiſche Chriſtin, wurde ſeine Gattin.

Dauerte das Glück dieſes Bundes nicht länger als der erſte Rauſch der Gefühle? War für meinen Vater der Reiz mit der Be⸗ ſiegung der Hinderniſſe geſchwunden? Die Unſchuld aus den Bergen war in die Dame ſeines Schloſſes verwandelt. Nun Alles geordnet ſchien, ſtiegen die Geiſter der Zwietracht auf. Mißverſtändniß und Reue hießen dieElemente, in deren Aufruhr das Glück meiner Eltern zu Grunde ging. Und ſo ſchien auch der zweite Spruch der alten Waldenſerin wieder einzutreffen.

Meine Mutter ſtarb bald nach meiner Geburt. Sie lebte in der letzten Zeit wie verſtoßen in den inneren Gemächern des kleinen Schloß⸗ flügels, während mein Vater in der Welt herumſchwärmte, um