Teil eines Werkes 
1 (1855) [Großvater Erlaucht]
Entstehung
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Abend

Gräfin Branconi war Wittwe. Sie gehörte zu den Frauen, die nach einer vertrauerten Jugend, in den Marterjahren eines verun⸗ glückten ehelichen Bundes raſch verblüht, erſt ſpät, nachdem die Welt ſich nicht mehr in friſchem Reiz für ſie geſchmückt, eine Genugthuung für Anſprüche des Herzens und Geiſtes finden. Sie war nie ſchön geweſen, ihre Züge waren eher das Gegentheil, aber der Faltenzug eines ſanften Weh's gab ihrem verwelkten Antlitz den Schmelz einer Rührung, die wohl feſſeln konnte, wenn der Sinn eines Mannes reif genug war, um ſich gegen den Zauber vergänglicher Reize zu ſchützen. Es ſind das jene Frauen, deren ſtille verallgemeinerte Liebe ſich wie ein heimlicher Fanatismus geſtaltet, jene Frauen, für die der Mann nur Bewunderung fühlt, während er doch Gefahr läuft, ſich vor ihnen zu verwirren und zu verlieren. Gräfin Branconi war mehrere Jahre in Paris geweſen, ihr Gemahl hatte dort in einem bunten Gewühl von Händeln und Intriguen ſein Leben eingebüßt. Dann war ſie mit ihren Kindern nach der italieniſchen Schweiz, wo ihre Güter lagen, zurückgekehrt. Seit längerer Zeit lebte ſie regel mäßig einen Theil des Jahres in Zürich, wo ſie, an der Limmath ſchön gelegen, Haus und Garten beſaß. Lavater war der Seelenarzt geworden, der dies an der Welt erkrankte Herz zu heilen gewußt. Er war der Mann, der, wenn die äußere Welt in ihrer Mißgeſtalt beleidigte, Ausſichten in die Ewigkeit eröffnete und dieſe Ewigkeit ſchon mitten in der zerbrechlichen Hülle des irdiſchen Lebens fühlbar machte. Dieſe ſanfte Entzückung eines ſchwärmeriſchen Gottesfriedens war ſein Werk. Dieſer Friede leuchtete aus ihren Zügen dem Be⸗ ſchauer entgegen. Der Phyſiognom, der dies Antlitz nicht fertig deuten konnte, mußte den Ton ihrer leiſe bewegten, heimlich zitternden und doch in Wohllaut aufgelöſ'ten Stimme zu Hülfe nehmen. Das Geſicht ohne den Klang der Stimme gibt wohl überhaupt nicht den ganzen Menſchen; erſt das ſprechende Geſicht, dünkt mich, iſt der volle Ausdruck der Seele. Großvater Erlaucht pflegte zu ſagen: Erkenne das Thier im Angeſicht, und du haſt die Grundlage des Menſchen! Er kannte nicht das Sokratiſche: Rede, damit ich dich ſehe!

Die Gräfin empfing uns mit jener Vertraulichkeit, die zugleich mit der Beobachtung der feinen Form nur der Dame ihres Standes möglich iſt. Sie ſprach franzöſiſch, und doch lag ſehr viel Gemüth