Teil eines Werkes 
1 (1855) [Großvater Erlaucht]
Entstehung
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im Ausdruck ihrer Worte. Großvater ward ihr von Lavater als

connaisseur bezeichnet. Er gab ihm damit ſeinen Empfehlungsbrief,

als zur Loge Derer gehörig, die im Angeſicht des Menſchen die Ge⸗ heimſchrift verſtehen.

Kenner? wiederholte der Großvater,mehr Liebhaber, als das; und auch das nur, wenn man es nicht zu weit treibt.

Man muß freilich zwiſchen den Zeilen leſen können, ſagte die Dame.Unter einer buchſtäblichen Auslegung leiden ſelbſt die Wahr⸗ heiten der heiligen Schrift.

Solch' ein Buchſtabenklauber in der Geſichtskunde iſt mir ſchon vorgekommen, ſagte der Großvater.Wie hieß der Querkopf, den wir am Rhein neulich auffiſchten? Er ſah mich lachend an, während er das ſagte, und fuhr fort:Der trieb's denn doch viel⸗ leicht ein Biſſel zu bunt. Der nahm die Leute friſch bei'm Kopfe und ſagte ihnen Grobheiten in's Geſicht, nicht? Zuletzt meinte er, der bloße Daumen genüge, um den Verſtand des Menſchen zu taxiren. Gott's Wunder! am Ende iſt die Silhouette vom kleinen Finger, oder

der Abſchnitzel vom Nagel des großen Zehen dazu hinreichend. Er nahm

das, wie ich's ihm ſagte, für Ernſt und belegte es gleich mit ſeinem lateiniſchen Spruche: Ex ungue leouem! Ja, ja, die gelehrten Lateiner helfen gern allem Unſinn auf. Dabei ſprach der Narr immer von Chriſtusnaſen und Johannesbackenknochen.

Ein Spiel, nahm die Gräfin ſehr ernſt das Wort,ein Spiel mit dem zu treiben, was unſere gläubige Erkenntniß fördern ſoll, iſt gewiß ein ſtrafwürdiger Unfug. Aber Gott verſteht nicht bloß in den Sternen, nicht bloß in den heiligen Büchern zu leſen; auch die Angeſichter der Menſchen ſind ſeine Schriftzüge. Nur hat bald das Laſter, bald heilloſer Unglaube ſie entſtellt, und wir finden den Herrn, wie in der ganzen Natur, ſo auch im Antlitz der Menſchen, nur mühſam heraus. Man kann das Edelſte mißbrauchen. Ariſtoteles und Galen hatten unſicher an der Geſtalt des Menſchen herumgetappt, ſich einzelne Merk⸗ zeichen erſehen, und die unſelige Aehnlichkeit einzelner Theile des menſchlichen Körpers mit denen der Thiere reichte zur Aufſtellung ihrer Meinungen hin. Wir ſind weiter, wir ſchauen nach dem Unſterb⸗ lichen im Angeſicht der Brüder. Mit einzelnen Theilen iſt es wohl wie mit einzelnen Tönen. Ein Ton für ſich iſt ein charakterloſes

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