Teil eines Werkes 
2. Band (1873) Die neue Hagar / von Julius Grosse
Entstehung
Einzelbild herunterladen

492

Da ging auf einmal eine eigenthümliche Verän⸗ derung in Erna's Zügen vor, die ſtarre Härte derſelben ſchmolz zu mädchenhafter Weichheit. Thränen ſtürzten aus ihren Augen.

Ehe ſich Carlman deſſen noch verſehen konnte, lag ſie an ſeinem Halſe ſchluchzend und weinend.Du mißtrauſt mir, Carlman, Du hältſt mich einer ſchreck lichen That fähig. Gott möge es Dir verzeihen! Geh, hole Philomena, und wenn Du fürchteſt, Dein Kind mit mir allein zu laſſen, ſo will ich mit Dir gehen!

Carlman riß ſich los von ihr.

Erna, es wacht ein Gott über uns beiden, auch über Deinen Gedanken. Ich werde gehen, bleib'!

Und er machte ſich auf den Weg.

Er war ſchon auf der Treppe, als ihm Erna nacheilte und ihm eine ſeltſame Abſchiedsſcene ſpielte. Sie ſchien wieder in Verwirrung zu ſein, ſie bat ihn plötzlich um einen Kuß und konnte ſich von ſeinen Lippen nicht trennen, als ſie ihr gewährt wurden.

Dabei ſtammelte ſie:Habe Dank für alles Gute,

habe Dank für dieſe Jahre und für alles Liebe, was

Du mir erwieſen. Im Schluchzen ſtarb ihre Stimme.

Carlman ging, von wunderlichen Empfindungen bewegt. Wer kennt die Frauen! Heute zum erſten Male war ihm Erna völlig unverſtändlich geworden,