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Bereitwilligkeit zu und fuhr zur feſtgeſetzten Stunde mit Fräulein von Spatenkamp in das Theater. Die Kleine ſtrahlte wahrhaft vor Freude und Entzücken; ſchon auf dem Wege und noch mehr im Theater ſelbſt ließ ſie mich keinen Augenblick zu mir ſelbſt kommen, ihre Beredtſamkeit und Converſationsgabe ſchien un⸗ erſchöpflich. Auf den höchſten Gipfel der Lebhaftigkeit aber gerieth ſie in der Loge ſelbſt und vor den Blicken eines zahlreichen, höchſt gewählten Auditoriums. Ihr beflügeltes Mundwerk ſchien mit verdoppelter Kraft zu arbeiten, namentlich ſprach ſie über alle möglichen Perſonen, die ſie nur mit ihrem Opernglas erreichen konnte. Und hier zeigte ſich unter der Maske der Frömmigkeit endlich die liebe natürliche Bosheit in luſtiger Nacktheit und Urſprünglichkeit. Die Muſik der Ouvertüre ſchien ebenſo ſehr die Einleitung der Stachelreden des kleinen Fräuleins als der allgemeinen Sündflut zu ſein, aber ich kann nicht ſagen, daß Fräulein von Spatenkamp nur das geringſte Intereſſe für jene Muſik zeigte.
„Kennen Sie auch die Dame dort in der fünften Loge?“ ſagte ſie plötzlich.„Eine leichte Perſon, eine ſehr leichte Perſon; man ſagt ſogar, mit dem Tode ihres Mannes müſſe es eine ganz eigene Bewandtniß haben, aber man kann nichts beweiſen.“


