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Das war lange Jahre ſo gelbtſen, und ich hatte
mir nie denken können, daß es jemals anders ſein würde; nun war auch ſie ſeit einem Jahre heimge⸗ gangen, und ich fühlte mich unendlich einſam und verlaſſen. Die Einſamkeit aber erzeugt wunderliche Ge— danken. Manchmal wohl war es, als ob eine milde weiche Hand mir über die Stirn ſtriche und eine ſüße Stimme wie aus weiter Ferne ſagte: Sei nur ruhig und geduldig, auch Dir wird das Glück noch kom— men. Und ſo war es auch an dieſem Maienſonn⸗ tage wieder, ja zuweilen war es, als ob eine un— ſichtbare Hand über die Saiten des alten Klaviers führe, daß ſie vernehmlich klangen— freilich nur eine Sinnestäuſchung, die von Aufgeklärten gewiß auf Rechnung des Nordweſtſturms geſetzt worden wäre. Aber ich meinte doch der heimlichen Mahnung ge⸗ horchen zu müſſen wie ſonſt und ſetzte mich deshalb an das alte Inſtrument und ſpielte das Lieblingslied Großmütterchens, das Gerhardt'ſche„Befiehl du deine
Wege und was dein Herze kränkt“. Draußen trug jetzt der Nordweſt vernehmlich die Glockenklänge von Sanct⸗Gertrauden herüber, als wollten ſie mein Lied und meinen Geſang begleiten.
Kaum hatte ich die erſte Strophe zu Ende ge⸗
ſungen, als ich einen kalten Luftzug ſpürte. Ich


