Teil eines Werkes 
2. Bd. (1846)
Entstehung
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Greis von noch bluͤhendem Ausſehen, friſchen Augen, zeigte in ſeinen Bewegungen eine Lebhaftigkeit, welche mit ſeinem Alter angenehm contraſtirte. Die Frau glich ihm vollkommen. Sie gingen immer Arm in Arm, und aufmerkſame Beobachter bemerkten haͤufig, wie lebhaft noch zwiſchen ihnen jener Austauſch von kleinen Zaͤrtlichkeiten war, welcher in den meiſten Ehen ſchon nach den erſten Jahren einem ceremonioͤſen und kalten Weſen Platz macht. Dieſes uͤberaus heitere Paar war Philemon und Baucis, welche noch immer unverheirathet waren, obgleich ihre Verhaͤltniſſe ſich ſo geſtaltet hatten, daß ſie ihr Buͤndniß hätten in die Regel bringen koͤnnen. Philemons Praxis hatte ſich allmaͤlig ſo gebeſſert, daß er laͤngſt im Stande ge⸗ weſen wäre ein anſtaͤndiges Haus zu fuͤhren, Madame Baucis hat eine Erbſchaft gemacht, welche den Wohl⸗ ſtand der Familie noch feſter begruͤndete. Auch waren beide Theile in das Alter getreten, wo von den ſinn⸗ lichen Leidenſchaften kein Bruch der Ehe mehr zu fuͤrchten war. Aber ſeltſam! Dieſes Paar fuͤrchtete ſich durch die Ehe zu verlieren. Es hatte in beider⸗ ſeitiger Freiheit ſo harte Prufungen beſtanden, es hatte, um ſich treu zu bleiben und unter ſich Frieden zu halten, in einem mehr als dreißigiährigen Kriege ge⸗ gen neidiſche Eheweiber, welche ihnen ihr Gluͤck miß⸗ goͤnnten und es durch Verleumdung zu zerſtören ſuchten, gegen ſpoͤttelnde Freunde und naſeruͤmpfende Freun⸗ dinnen, gegen die gute Meinung der Dummheit