Teil eines Werkes 
1. Bd. (1846)
Entstehung
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freien Verbande der Liebe zu einer ſtrengen kirchlichen Einrichtung erhoben und ihm dadurch den verhaßten Charakter eines Zwanges gegeben haben, welcher, von den ſtaͤrkſten Naturgefuͤhlen perhorrescirt, mehr als jedes ſociale Mißverhältniß dazu beitrug, die Begier⸗ den bis zur Zügelloſigkeit zu entfeſſeln. Von dem Augenblicke an, wo der ſacramentaliſche Charakter die⸗ ſes Inſtitutes durch Inquiſitionsgerichte und ſchreck⸗ liche Strafen gegen alle Geſchlechtsſuͤnden auf die Spitze geſtellt wurde, begann jener furchtbare Sturz der ſittlichen Gefuͤhle, welcher nun faſt ſein Ende er⸗ reicht hat den Boden des Abgrunds, wo ſie vol⸗ lends verſinken und vernichtet werden ſollen. Wenig⸗ ſtens ſpricht jede Seite der Geſchichte fuͤr dieſe An⸗ nahme. Liebe, Treue und Sittlichkeit gediehen nicht beſſer als in Zeiten, wo die Ehe ein freier Bund der Liebe war. Jene Zeiten haben die meiſten Beiſpiele von Frauentugend und keuſchem Maͤnnerſinne aufzu⸗ weiſen. Als Arria, die Gemahlin des Cacinna Paͤtus, den von ihrem rieſelnden Herzblute bedeckten Dolch ihrem Gatten mit den unſterblichen Worten uberreichte: Paete non dolet! da wußte man noch nichts von einem heiligen Sacramente der Ehe obgleich die Ehe hei⸗ lig war durch das freie aturſtarke Gefuͤhl der Sitt⸗ lichkeit.

Was das heutigs Europa betrifft, ſo herrſcht, zum Beweiſe der aufgeſtellten Behauptung, nirgends eine größere Zugelloſigkeit der Sinnlichkeit, als in jenen