Teil eines Werkes 
5.-8. Bdchn (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

254

der Lampe von Colombau geheftet, ohne ſich um Kälte oder Wärme zu bekümmern, denn das Feuer hätte ihre Hände nicht erwärmt, denn der Schnee hätte ihre Stirne nicht gekühlt, in einer Winternacht alſo ſah ſie die Thüre des Bretagners ſich öffnen und dieſen, welcher auf den Fußſpitzen herauskam, wie ſie es oft ſelbſt that, ſich nach dem Hauſe wenden, wo er verſchwand.

Die erſte Bewegung von Carmelite war, in ihr Zimmer zu fliehen.

Doch die Neugierde gewann die Oberhand; überdies hätte ſie, die Thüre öffnend und wieder ſchließend, ihre Gegenwart verrathen.

Sie hüllte ſich in den Fenſtervorhang und wartete.

Das Krachen der Stufen deutete an, daß Colombau die Treppe heraufſtieg, und nach einigen Secunden er⸗ ſchien ſein Schatten wirklich oben auf den Stufen und rückte langſam im Flurgange vor.

Als er die Thüre des Mädchens erreicht hatte, blieb er ſtehen, lehnte ſich an die Wand an und verweilte hier, den Athem an ſich haltend und in der Stellung eines Betrachtenden, als ob er durch dieſe geſchloſſene Thüre hätte ſchauen können.

Von Zeit zu Zeit machte ſich ſeine auf ſein Herz gelegte Hand von ſeiner Bruſt los, drückte auf ſeine Augen und ſchien Thränen abzuwiſchen.

Das war eine Offenbarung für Carmelite. Was ſuchte er vor ihrer Thüre, wenn nicht, was ſie oft ſelbſt vor der ſeinigen ſuchte? Was für Thränen konnte er vergießen, wenn nicht die brennenden Thränen der Liebe, die bitteren Thränen der Wehmuth?

Und in der That, bald verwandelten ſich die ſtillen Zähren von Colombau in Schluchzen.

Carmelite legte ihre beiden Hände auf ihren Mund, um ſogar ihren Athem am Ausſtrömen zu verhindern; denn ſie fühlte, der Schrei:Ich liebe Dich! ich liebe Dich! war nahe daran, ihren Lippen zu entſchlüpfen.

d