210 Jungfrau von Orleaus.
Zeit brauchte. Dort angekommen, rief Johanna aus: „O Rouen, in deinen Mauern alſo muß ich ſterben!“
Es ſtanden auf dem Platze drei Gerüſte: eins für die Richter und Beiſitzer, ein andres für Johanna und ein drittes für die Hinrichtung. Das arme Schlachtopfer erbebte beim Anblick des Scheiterhaufens und wandte den Kopf ab. Erſt durch die Rede des frommen Beichtvaters, welcher ihr das Crucifir zum küſſen vorhielt, gewann Johanna wieder Faſſung genug, um den Scheiterhaufen zu betrachten. Nachdem ſie mühſam(denn ihre Füße waren eng zuſammengeſchloſſen) auf das ihr beſtimmte Gerüſt geſtiegen war, las ihr der Prieſter Miſi eine Rede voller Schmähungen vor, während ſie inbrünſtig betete und in kurzen Zwiſchenräumen das Crucifir küßte. Der Prieſter beſchloß ſeine lügenhafte Rede mit den Worten:„Geh in Frieden! Die Kirche kann Dich nicht mehr ſchützen und übergiebt Dich den weltlichen Händen.“
Nachdem nun der Biſchof das Urtheil nochmals ver— leſen hatte, warf ſich Johanna auf die Knie, betete abermals, ſtreckte dann die gebundenen Hände nach der verſammelten Volksmenge aus und erſuchte ſowohl Eng⸗ länder als Franzoſen für ſie zu beten. Zugleich befahl der Bailly dem Scharfrichter ſich der Verurtheilten zu bemächtigen und ſie auf den Scheiterhaufen zu führen
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