Jungfran von Orleans. 27
Jeannette konnte die Erinnerung an das Abenteuer im Garten gar nicht wieder loswerden. Doch blieb alles ruhig, bis ſie eines Sonntags in der Kirche knien ge⸗ blieben war, nachdem ſich die ganze Gemeinde ſchon ent⸗ fernt hatte. Da hörte ſie plötzlich ihren Namen rufen. Als ſie den Kopf erhob ſchien ihr das Gewölbe der Kirche geöffnet zu ſein, eine goldne Wolke ließ ſich herab und in ihrer Mitte ſah ſie den Jüngling wieder, welcher ſie auf der Wieſe angeredet hatte. Sie erlickbte Flügel an ſeinen Schultern, merkte daß es ein Engel ſei und redete ihn in ihrem ſanften Entzücken an:
„Biſt Du es, Herr, der mich gerufen hat?“
„Ja, Johanna, ich bin es,“ antwortete der Engel.
„Was begehrſt Du von Deiner Magd?“
„Johanna, ich bin der Erzengel Michael, welchen der König des Himmels ſendet, um Dir zu ſagen, daß er Dich unter allen Frauen erkoren hat, das Königreich Frankreich zu retten.“
„Ach,“ rief Jeannette,„was könnte ich arme Hir⸗ tin wohl thun?“
„Bewahre die Reinheit Deines Herzens wie bisher,“ erwiederte der Engel liebreich;„zur rechten Zeit werden die heilige Katharina und die heilige Margaretha mit mir kommen und Dir ſagen, was Du zu thun haſt.“


