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Er kannte die von ihm erzogene Jungfrau hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß ihre Strenge nicht von der zweiten der beiden Beſchwerden herrührte; er lächelte in dem Gedanken, ſie werde ſpäter umgäng⸗ licher werden.
Was die Abweſenheit von Auger betrifft, ſo ſchrieb er ſie dem Aerger zu, den der junge Ehe⸗ mann darüber empfinde, daß er übermäßig hart vom Brautbette abgewieſen worden.
Und in ſeinem Innern ſagte er:
„Es iſt ein Dummkopf, daß er dieſe wilde Hindin nicht zu zähmen gewußt hat! Oh! wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, Ingénue würde dieſen Morgen nicht weinen!“
Und die Zeit ſeiner Jugend erſchien ihm in ihrem ganzen Zauber und in ihrer ganzen Glorie, und er kächelte bei den Träumen der Vergangenheit. Glück⸗ liche Zeiten der Seufzer, des Schmachtens auf der Straße, der Küſſe von einem Fenſter zum andern! glückliche Zeiten der Begegnungen, der Complimente über die Eleganz eines Fußes, des Lächelns zum Danke für eine gut angebrachte Galanterie geſpendet! göttliche Zeit der Rendez⸗vous in der Abenddäm⸗ merung, der Promenaden gemacht in Geſellſchaft ſchüchterner Jungfrauen, welche, nachdem ſie erröthend und lachend abgegangen, bleich und zärtlich, an dem Arme hängend, den ſie zwei Stunden vorher kaum berührt, zurückkommen!“
Alle dieſe Dinge, die Rétif in ſeinen Kopf zurück⸗ rief, defilirten vor ihm bei der Helle aller der Scheine, die ſie erleuchtet hatten, beim Feuer aller der Sonnen, die ſie gereift hatten.


