Teil eines Werkes 
1. Bd. (1848)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

immer über die Gebühr entblößt, ihre Kleidung war ge⸗ ſchmacklos und doch ſchien ſie überzeugt zu ſein, daß nichts ſchöner ſei, als ſie. Eine angeborene, faſt brutale Ueppig⸗ keit, ohne Geiſt und Anſtrich, ſprach aus ihrer ganzen Perſon. Sie mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zäh⸗ len und mußte für einen gewöhnlichen Mann, der ſich täuſcht und die Hitze des Blutes für Wärme des Herzens nimmt, immer noch eine wünſchenswerthe Frau ſein. Eu⸗ phraſia ſchien ſich ſelbſt am meiſten zu gefallen, denn ſie ſah beſtändig in den Spiegel, der ihr gegenüber an der Wand hing.

Madame Van⸗Dick gab ſich gern ein wichtiges An⸗ ſehen und machte alle Welt glauben, ſie ſei die Seele des Hauſes. Wer ſie nicht ſchön fand, wurde von ihr gehaßt und ihr Haß mußte um ſo gefährlicher werden, als ſie darin ohne Verſtand handelte. Bei dem kleinſten Com⸗ plimente, das man ihr machte, bildete ſie ſich ein, man mache ihr den Hof, und ſagte man ihr über ihre Schön⸗ heit, ihre Grazie und ihren Geiſt die größten Schmeiche⸗ leien, Schmeicheleien, die faſt an Unverſchämtheit grenzten, ſo erreichte man immer noch nicht die Meinung, die ſie von ſich ſelbſt hegte. Fügt man dieſen Eigenſchaften noch eine ſchauerliche Unwiſſenheit hinzu, ſo hat man ein ziem⸗ lich treues Bild von Madame Van⸗Dick.

—