Teil eines Werkes 
12.-16 Bdchn (1847)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

64

In demſelben Augenblick klopfte Jemand leiſe an die Thüre.

„Wer iſt da, was will man wieder von mir?“ rief Frau von Caſtro.

André öffnete ein wenig die Thüre und ſprach:

„Entſchuldigt, gnädige Frau, es iſt eine Botſchaft vom König.“

„Vom König!“ wiederholte Gabriel, deſſen Blick ſich entflammte.

„Warum bringt Ihr mir dieſen Brief, André?“

„Madame, er iſt, wie man mir ſagt, dringend.“

„Gebt. Was will der König von mir? Geht, An⸗ wenn eine Antwort nöthig iſt, werde ich Euch ru⸗ en.

André entfernte ſich. Diana entſiegelte den könig⸗ lichen Brief und las ganz leiſe wie folgt mit wachſen⸗ dem Schrecken:

„Meine theure Diana!“

„Man ſagt mir, Ihr ſeid im Louvre; ich bitte, geht nicht aus, ehe ich zu Euch komme. Ich bin in einer Sitzung des Raths, welche von einem Augenblick zum andern endigen kann. Sobald ich ſie verlaſſe, be⸗ gebe ich mich auf der Stelle und ohne Gefolge in Eure Wohnung. Erwartet mich jede Minute.

„Es iſt ſo lange her, daß ich Euch nicht mehr al⸗ lein geſehen habe! Ich bin traurig und muß nothwen⸗ dig einige Augenblicke mit meiner vielgeliebten Tochter plaudern. Sogleich alſo.

„Heinrich.“

Erbleichend zerknitterte Diana dieſen Brief in ih⸗ rer krampfhaften Hand, als ſie ihn geleſen hatte.

Was ſollte ſie thun?

Gabriel ſogleich wegſchicken? Doch wenn er, in⸗ dem er wegginge, dem König begegnen würde, der je⸗ den Augenblick kommen konnte?