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da ich dort das Leben erwartete? Man lebt in der Hoffnung viel mehr, als in der Wirklichkeit. Was macht die Horizonte von Gold und Azur? Ach! mein Kind, Du wirſt es eines Tags erfahren: es iſt die Hoffnung.
Dort bin ich geboren, dort habe ich meinen erſten Schmerzensſchrei ausgeſtoßen; dort hat ſich unter dem Auge meiner Mutter mein erſtes Lächeln erſchloſſen; dort bin ich, ein blonder Kopf mit roſigen Wangen, jenen jugendlichen Illuſionen nachgelaufen, die uns entwiſchen, oder die uns, erreicht man ſie, nur ein wenig ſammetenen Staub an den Fingern zurücklaſſen, und die man Schmetterlinge nennt. Ach! es iſt abermals wahr und ſeltſam, was ich Dir ſagen will: man ſieht nur Schmetterlinge, wenn man jung iſt, ſpäter kommen die Weſpen, weiche ſtechen; ſodann die Fledermänſe, welche den Tod weiſſagen.
Die drei Perioden des Lebens faſſen ſich alſo zu⸗ ſammen: Jugend, reifes Alter, Greiſenthum,— Schmet⸗ terlinge, Weſpen, Fledermäuſe!
Dort iſt mein Vater geſtorben. Ich war in dem
Alter, wo man nicht weiß, was der Tod iſt, und wo
man kaum weiß, was ein Vater iſt.
Dorthin hatte ich meine hingeſchiedene Mutter ge⸗ führt; in dieſem reizenden Friedhofe,— der viel mehr das Ausſehen eines Blumengeheges, um die Kinder darin ſpielen zu laſſen, als eines Todtenackers hat, um die Leichen darin zur Ruhe zu beſtatten,— ſchläft ſie neben dem Soldaten vom Lager von Maulde und dem
General von den Pyramiden. Ein Stein, den die
Hand einer Freundin über ihrem Grab ausgebreitet hat, beſchirmt Beide.
Zu ihrer Rechten und ihrer Linken liegen die nächſten Verwandten, der Vater und die Mutter mei⸗ ner Mutter, Tanten, deren ich mich dem Namen nach erinnere, deren Geſicht ich aber nur durch den gräu⸗ lichen Schleier langer Jahre ſehe.


