Teil eines Werkes 
2. Abt., 1. Bd. (1863)
Entstehung
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206 müſſen. Jean Valjean gab Coſette ein Zeichen, zu ſchweigen. Er hörte, daß man die Treppe herauf kam. Es konnte doch die Alte ſein, die vielleicht unwohl geworden und zum Apotheker gegangen war. Jean Valjean lauſchte. Der Tritt war ſchwerfällig und klang wie der Tritt eines Mannes; aber die Alte trug ſchwere Schuhe, und nichts gleicht ſo ſehr dem Tritt eines Mannes wie der Tritt eines alten Weibes. Indeß blies Jean Valjean ſein Licht aus.

Er ſchickte Coſette zu Bett, indem er ihr zuflüſterte: Leg Dich recht leiſe zu Bett. Während er ſie dann auf die Stirn küßte, hatten die Schritte angehalten. Jean Valjean blieb ſchweigend, regungslos, den Rücken der Thüre zugewendet auf dem Stuhle ſitzen, von dem er ſich nicht gerührt hatte, und hielt den Athem an. Nach einer ziem⸗ lich langen Zeit hörte er nichts mehr, wendete ſich ge⸗ räuſchlos um und als er die Augen auf die Thür ſeines Gemaches richtete, ſah er einen Lichtſtrahl durch das Schlüſſel⸗ loch fallen. Dieſes Licht bildete eine Art finſtern Stromes in der Schwärze der Thür und Mauer. Offenbar ſtand dort Je⸗ mand, der ein Licht in der Hand hielt und horchte.

Einige Minuten verfloſſen und das Licht entfernte ſich. Nur hörte er kein Geräuſch von Schritten, was anzudeuten ſchien, daß der, welcher an der Thür horchte, ſeine Schuhe ausgezogen hatte.

Jean Valjean warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett und konnte während der Nacht kein Auge ſchließen. Mit Tagesanbruch, als er vor Erſchöpfung eingeſchläfert war, wurde er geweckt durch das Knarren einer Thür, die ſich aus irgend einer Dachkammer im Hintergrunde des Ganges öffnete; dann hörte er denſelben Mannestritt, der den Abend zuvor die Treppe hinaufgekommen war.

Die Tritte näherten ſich. Er ſprang aus dem Bette und legte das Auge an das Schlüſſelloch, welches ziemlich groß war; er hoffte im Vorübergehen den Menſchen ſehen