Teil eines Werkes 
2. Abt., 1. Bd. (1863)
Entstehung
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guten Mann zu lieben. Sie empfand, was ſie noch nie empfunden hatte, eine freudige Regung ihres Herzens.

Der gute Mann machte ſelbſt auf ſie nicht mehr den Eindruck, alt oder arm zu ſein. Sie fand Jean Valjean ſchön, ebenſo wie ſie die Dachkammer hübſch gefunden hatte.

Das ſind die Wirkungen der Morgenröthe der Kind⸗ heit, der Jugend, der Freude. Wir haben alle in unſerer Vergangenheit dergleichen Lichtblicke.

Die Natur, ein Zwiſchenraum von fünfzig Jahren hatten eine weite Kluft zwiſchen Jean Valjean und Coſette gelegt; das Geſchick füllte dieſe Kluft aus. Es vereinigte plötzlich mit unwiderſtehlicher Macht dieſe beiden entwurzelten Exiſtenzen, getrennt durch das Alter, einander nahe gebracht durch die Trauer. Die eine vervollſtändigte in der That die andere. Der Inſtinkt Coſettens ſuchte nach einem Vater, wie der Inſtinkt Jean Valjean's nach einem Kinde ſuchte. Sich begegnen hieß ſich finden. In dem geheimnißvollen Augenblick, in welchem ihre beiden Hände ſich berührten, vereinigten ſie ſich auch. Als dieſe beiden Seelen ſich er⸗ blickten, erkannten ſie ſich gegenſeitig als das Bedürfniß der einen und der andern und ſchloſſen ſich innig aneinander an.

Indem man die Worte in ihrem verſtändlichſten und unbedingteſten Sinne nimmt, könnte man ſagen, daß getrennt von Allem durch die Wände eines Grabes Jean Valjean der Wittwer war und Coſette die Waiſe. Dieſe Lage machte, daß Jean Valjean auf himmliſche Weiſe der Vater Co⸗ ſettens wurde.

Und in Wahrheit, der geheimnißvolle Eindruck, der in dem Walde von Chelles die Hand Jean Valjean's, welche die ihrige in der Dunkelheit ergriff, auf Coſette machte, war keine Illuſion, ſondern eine Wirklichkeit. Der Eingriff dieſes Menſchen in das Geſchick dieſes Kindes war das Erſcheinen Gottes.

Uebrigens hatte Jean Valjean ſein Aſyl gut gewählt.