Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : Zweite Abteilung, Das Halsband der Königin : 10. und 11. Bändchen (1850) Mémoires d'un médecin
Entstehung
Einzelbild herunterladen

124

Charny wurde wieder, was er immer war, ein ſtarker Geiſt, ein kräftiger Körper. Er unterbrach ſeine wahnſinnigen Läufe, bei denen er an die Bäume an⸗ rannte, und ging gerade und ſchweigſam in die noch von den Tritten der zwei Frauen und des Unbekannten durchfurchte Allee.

Er wollte den Platz beſuchen, wo die Königin ge⸗ ſeſſen hatte. Die noch niedergedrückten Mooſe enthüllten ihm ſein Unglück und das Glück eines Andern. Statt zu ſeufzen, ſtatt die Dünſte des Zorns abermals in ſein Gehirn aufſteigen zu laſſen, dachte Olivier über die Natur dieſer verborgenen Liebe und über die Eigen⸗ ſchaft der Perſon nach, die dieſelbe einflößte.

Er unterſuchte die Tritte dieſes vornehmen Herrn mit derſelben Aufmerkſamkeit, mit der er bei der Un⸗ terſuchung der Fährte eines wilden Thieres zu Werke gegangen wäre. Er erkannte die Thüre hinter den Apollo⸗Bädern. Er ſah, indem er die Mauerkappe erkletterte, Eindruͤcke von Pferdehufen und eine Ver⸗ heerung im Graſe.

Er kommt von dort her! Er kommt nicht von Verſailles, ſondern von Paris, dachte Olivier.Er kommt allein, und morgen wird er wiederkommen, da man ihm geſagt hat: Morgen.

Bis dahin verſchlingen wir ſchweigend, nicht mehr die Thränen, die meinem Augen entfließen, ſondern das Blut, das in Wellen aus meinem Herzen ſtrömt.

Morgen wird der letzte Tag meines Lebens ſein, wenn nicht, ſo bin ich ein Feiger und habe nie geliebt.

Sachte, ſachte, ſprach er, indem er ſanft an ſein Herz klopfte, wie der Reiter ſeinem Pferde, das in Hitze geräth, auf den Hals klopft,Ruhe, Stärke, da die Prüfung noch nicht beendigt iſt.

Nach dieſen Worten ſchaute er zum letzten Male umher und wandte die Augen vom Schloſſe ab, indem er das Fenſter der treuloſen Königin beleuchtet zu ſehen befürchtete; denn dieſes Licht wäre eine Lüge, ein neuer Flecken geweſen.