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Oliva verſchlang dieſes Billet. Sie fühlte das Fieber der Unabhängigkeit zu ihrer Wange, die Wolluſt der verbotenen Frucht zu ihrem Herzen emporſteigen.
Sie hatte bemerkt, daß der Graf, ſo oft er zu ihr eintrat, wobei er ihr bald eein Buch, bald ein Juwel brachte, ſeine Blendlaterne auf ein Arbeitstiſch⸗ chen ſtellte und ſeinen Schlüſſel auf die Laterne legte.
Sie hielt zum Voraus ein Stück geknetetes Wachs bereit, mit dem ſie den Abdruck ſeines Schluͤſſels bei dem erſten Beſuche von Caglioſtro nahm.
Dieſer wandte nicht ein einziges Mal den Kopf um; während ſie dieſe Operation bewerkſtelligte, ſchaute er auf dem Balcon die neu erſchloſſenen Blumen an. Oliva konnte alſo ohne Bangen ihr Vorhaben durch⸗ führen. Als der Graf weggegangen war, ließ Oliva in einer Schachtel den Abdruck des Schlüſſels hinab, den Jeanne mit einem kleinen Billet empfing.
Und ſchon am andern Tag gegen Mittag ſchleu⸗ derte die Armbruſt, ein außerordentliches und hurtiges Mittel, das gegen die Correſpondenz mit dem Faden das war, was der Telegraph gegen den Courrier zu Pferde iſt, ſchleuderte, ſagen wir, die Armbruſt ein alſo abgefaßtes Billet:
„Meine Theuerſte, heute Abend um elf Uhr, wenn der Graf weggegangen ſein wird, kommen Sie herab; Sie ziehen die Riegel zurück und befinden ſich in den Armen derjenigen, welche ſich nennt Ihre zärtliche Freundin.“
Oliva bebte vor Freude mehr, als ſie es je bei den zärtlichſten Billets von Gilbert im Frühling der erſten Liebe und der erſten Rendezvous gethan.
Sie ging um elf Uhr hinab, ohne daß ſie irgend einen Argwohn bei dem Grafen bemerkt hatte. Sie fand unten Jeanne, die ſte zärtlich in die Arme ſchloß, in einen auf dem Boulevard ſtehenden Wagen ſteigen ließ, und ganz betäubt, ganz bebend, ganz berauſcht, machte ſie mit ihrer Freundin eine Spazierfahrt von


