7
die nervöſe Empfindlichkeit, die erſte Urſache ſeines Leidens, abzuhalten.
Kein Lärmen, keine Berührung, kein Anblick. Der Doctor Louis band muthig mit allen Vorwänden zu einem Wiederaufleben krankhafter Erſcheinungen an, und dennoch wich er, entſchloſſen, einen großen Schlag zu thun, nicht vor einer Kriſe zurück, die ſeinen Kranien tödten konnte. Allerdings konnte ſie ihn auch retten.
Angethan mit einem Morgenkleide, mit einer ganz nachläſſigen Eleganz friſirt, trat die Königin ungeſtüm in die Hausflur, welche zu dem Zimmer von Charny führte. Der Doctor hatte ihr empfohlen, nicht zu zögern, nicht zu verſuchen, ſondern auf der Stelle, mit einer Entſchloſſenheit zu erſcheinen, um eine heftige Wirkung hervorzubringen.
Sie drehte ſo raſch den eiſelirten Knopf der erſten 4
Thüre des Vorzimmers um, daß eine Perſon, die ſich gegen die Thüre des Zimmers von Charny neigte, eine in ihre Mantille gehüllte Frau, nur Zeit hatte, ſich auf⸗ zurichten und eine Haltung anzunehmen, deren Ruhe ihr verſtörtes Geſicht und ihre zitternden Hände Lügen ſtraften.
„Andrée!“ rief die Königin erſtaunt.„Sie hier!“
„Ich!“ antwortete Andrée, bleich und ängſtlich, „ja, Eure Majeſtät. Doch iſt Eure Majeſtät nicht auch ſelbſt hier?“
„Hol ho! Verwickelung!“ murmelte der Doctor.
„Ich ſuchte Sie überall,“ ſagte die Königin;„wo
waren Sie?“ 1
Es lag in dieſen Worten der Königin ein Aus⸗ druck, welcher nicht der ihrer gewöhnlichen Güte. Es war wie das Vorſpiel eines Verhörs, wie das Symptom eines Verdachtes.
Andrée hatte bange, ſte befürchtete beſonders, ihr unüberlegter Schritt könnte den Schlüſſel zu ihren für ſie ſo furchtbaren Gefühlen geben. So ſtolz ſie auch
war, ſo entſchloß ſie ſich doch, zum zweiten Male zu lügen.


