Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Zweite Abteilung], Das Halsband der Königin : 1.-4. Bändchen (1849) Mémoires d'un médecin
Entstehung
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Wohl, mein Herr, dieſen einundzwanzig Jahren einem Monat und zwei Wochen werden Sie nicht einen Tag, nicht eine Stunde mehr beiſetzen. Hören Sie? ſagte der Greis, ſeine dünnen Lippen zuſammenpreſſend und ſeine gemalte Stirne faltend,ſchon dieſen Abend werden Sie ſich einen Herrn ſuchen. Ich will nicht, daß das Wort unmöglich in meinem Hauſe ausgeſpro⸗ chen wird. Ich mag in meinem Alter nicht die Lehre dieſes Wortes durchmachen. Ich habe keine Zeit zu verlieren.

Der Haushofmeiſter verbeugte ſich zum dritten Mal und erwiederte: 2

Dieſen Abend nehme ich von Monſeigneur Ab⸗ ſchied, doch ich werde wenigſtens bis zum letzten Augen⸗ blick meinen Dienſt gethan haben, wie es anſtändig iſt.

Und er machte zwei Schritte rückwärts gegen die Thüre. Was nennen Sie, wie es anſtändig iſt? rief der Marſchall.Erfahren Sie, mein Herr, daß die Dinge hier gethan werden müſſen, wie es mir anſtändig iſt, das iſt der Anſtand. Ich will aber um vier Uhr ſpeiſen, und wenn ich um vier Uhr ſpei⸗ ſen will, iſt es mir nicht anſtändig, daß Sie mich um fünf Uhr ſpeiſen laſſen.

Herr Marſchall, ſprach trocken der Haushof⸗ meiſter,ich habe als Kellermeiſter beim Herrn Prin⸗ zen von Soubiſe, als Intendant beim Herrn Prinzen Cardinal Louis von Rohan gedient. Beim Erſten ſpeiste Seine Majeſtät der ſelige König von Frankreich einmal im Jahr; bei dem Zweiten ſpeiste Seine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer von Oeſtreich einmal im Monat. Ich⸗ weiß alſo, wie man Souverains behandelt, Mon⸗ ſeigneur. Bei Herrn von Soubiſe nannte ſich der König Ludwig XV. vergebens Baron von Geneſſe, er

blieb immer ein König; bei Herrn von Rohan nannte ſich der Kaiſer Joſeph vergebens Graf von Partenſtein,

er blieb immer der Kaiſer. Heute empfängt der Herr Marſchall einen Gaſt, der ſich vergebens Graf von