Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 21.-24. Bändchen (1847) Mémoires d'un médecin
Entstehung
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. 10 ſich haltend,man ärgert eine redliche Frau nicht, wenn man Sympathie für ſie an den Tag legt. Ein redlicher Mann kommt jedem menſchlichen Geſchoͤpf gleich, und ich, den Sie mit ſo viel Erbitterung mißhandeln, ich verdiene vielleicht mehr als irgend ein Anderer die Sympathie, welche Sie, wie ich ſehe, zu meinem tiefen Bedauern nicht für mich empfinden.

Bei dem zweimal wiederhotten Wort Sympathie riß Andrée die Augen weit auf und heftete ſie auf eine ver⸗ ächtliche Weiſe auf Gilbert.

Sympathie! ſagte ſie,Sympathie von Ihnen gegen mich! In der That, ich täuſchte mich in Ihnen. Ich hielt Sie für einen Unverſchämten, doch Sie find weniger als dieſes: Sie ſind ein Narr.

Ich bin weder unverſchämt, noch ein Narr, ent⸗ gegnete Gilbert mit einer ſcheinbaren Nuhe, welche den uns bekannten Stolz große Ueberwindung koſten mußte. Nein, mein Fräulein, durch die Natur bin ich Ihres Gleichen und durch den Zufall ſind Sie mir verpflichtet geworden.

Abermals der Zufall? verſetzte Andrée ſpöttiſch.

Die Vorſehung, hätte ich vielleicht ſagen ſollen. Nie würde ich hievon geſprochen haben; aber Ihre Be⸗ leidigungen erwecken mein Gedächtniß.

Ihnen verpflichtet? Ihnen verpflichtet, glaube ich?

Wie haben Sie das geſagt, Herr Gilbert?

Ich würde mich an Ihrer Stelle des Undanks ſchämen; und Gott, der Sie ſo ſchön gemacht, hat Ihnen, um Ihre Schönheit auszugleichen, ſo viele andere Fehler außer dieſem gegeben.

Diesmal ſtand Andrée auf.

Verzeihen Sie mir, ſagte Gilbert,zuweilen reizen

Sie mich auch zu ſehr, und dann vergeſſe ich alle Theil⸗ nahme, die Sie mir einflößen.

Andrée brach in ein ſchallendes Gelächter aus, um den Zorn von Gilbert bis zu ſeinem Paroxismus an⸗ zuſtacheln; doch zu ihrem großen Erſtaunen flammte Gilbert

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