256
ſicht des Marſchalls bin, Sire, wenn ich glauben dürfte, daß es auch die Anſicht Eurer Majeſtät iſt.“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, wäh⸗ rend deſſen der König Taverney wohlgefällig anſchaute. „Meine Herren,“ ſagte er,„es unterliegt keinem Zweifel, daß ich Ihrem Rathe folgen würde, wenn ich erſt dreißig Jahre zählte. Ich hätte eine leicht begreif⸗ liche Neigung dazu; aber ich bin jetzt ein wenig zu alt, um leichtgläubig zu ſein.“ „Leichtgläubig! ich bitte, erklären Sie mir das Wort,
Sire. „Leichtgläubig ſein, mein lieber Herzog, bedeutet glauben; nichts aber würde mich gewiſſe Dinge glauben machen.“
„Welche?“
„Daß man in meinem Alter Liebe einflößen könne.“
„Ah! Sire,“ rief Richelieu,„bis jetzt dachte ich, Eure Majeſtät ſei der artigſte Edelmann ihres Reiches, aber mit tiefem Schmerz ſehe ich, daß ich mich getäuſcht habe.“
„Worin?“ fragte der König lachend.
„Darin, daß ich alt bin wie Methuſalem, ich, der ich 94 geboren bin. Bedenken Sie wohl, Sire, daß ich ſech⸗ zehn Jahre mehr zähle, als Eure Majeſtät.“
Das war eine geſchickte Schmeichelei vom Herzog. Ludwig XV. bewunderte ſtets das A ſes Mannes, der ſo viel Jugend in ſeinem Dienſt getödtet hatte; denn mit dieſem Beiſpiel vor Augen konnte er dasſelbe Alter wie er zu erreichen hoffen.*
„Es mag ſein,“ ſagte Ludwig XV., aber ich hoffe, Sie werden nicht ſo eitel ſein, zu glauben, man liebe Sie um Ihretwillen, Herzog?“ 3
„Wenn ich das glaubte, Sire, ſo würde ich mich auf der Stelle mit zwei Frauen entzweien, die mir noch dieſen Morgen das Gegentheil geſagt haben. 5
„Nun!“ ſprach Ludwig XV.,„wir werden ſehen; wir werden ſehen, Herr von Taverney; die Jugend ver⸗ jüngt, das iſt wahr...“ 3 8


