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193 „Wenn ich Dich von dort, und zwar ſo ſchnell hier⸗
her berufen habe, ſo begreifſt Du, daß dies geſchehen iſt,
um Dich eine gute Rolle ſpielen zu laſſen... Sprich, haſt Du zuweilen über diejenige nachgedacht, welche Herr von Choiſeul zehn Jahre hindurch ſpielte?“
„Ja, gewiß; ſie war ſchön.“
„Schön, verſtändigen wir uns; ſchön, ſo lange er mit Frau von Pompadour den Koͤnig beherrſchte und die Jeſuiten verbrennen ließ; traurig, ſehr traurig, als er ſich, nachdem er ſich wie ein Dummkopf mit Frau von Du⸗ barry, welche zwanzig Pompadours werth iſt, entzweit hatte, in vier und zwanzig Stunden vor die Thüre ſetzen ließ... Du antworteſt nicht?“
„Ich höre, mein Herr, und ſuche, worauf Sie abzielen.“
„Du liebſt ſie, nicht wahr, dieſe erſte Rolle von Choiſeul?“
„Gewiß.“
„Nun wohl, mein lieber Freund, ich bin entſchloſſen, dieſe Rolle zu ſpielen.“
Aiguillon wandte ſich ungeſtüm gegen ſeinen Oheim und rief:
„Sprechen Sie im Ernſt?“
„Ja, warum nicht?“
„Sie wollen der Liebhaber von Madame Dubarry werden?“
„Ahl Teufel! Du gehſt zu raſch; doch ich ſehe, daß Du mich begriffen haſt. Ja, Choiſeul war ſehr glücklich, er beherrſchte den König und beherrſchte ſeine Geliebte; er liebte, wie man ſagt, Madame Pompadour... Im Ganzen, warum nicht?... Doch nein, ich kann nicht der geliebte Liebhaber ſein, Dein kaltes Lächeln ſagt es mir wohl; Du ſchauſt mit Deinen jungen Augen meine ge⸗ runzelte Stirne, meine gebogenen Kniee und meine ver⸗ trocknete Hand an, die einſt ſo ſchön war. Statt zu ſagen, da ich von der Rolle von Choiſeul ſprach, ich werde ſie ſpielen, hätte ich ſagen müſſen: wir werden ſie ſpielen.“
Denkwürdigkeiten eines Arztes. IWV. 13


