Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 14.-16. Bändchen (1847) Mémoires d'un médecin
Entstehung
Einzelbild herunterladen

188

auf ſeine Stirne gebracht; ſie hatte nur die natürliche Falte vergrößert, die bei den Dichtern und den Staats⸗ männern die Zufluchtſtätte tiefer Gedanken zu ſein ſcheint. Er hielt gerade und hoch ſeinen ſchönen Kopf voll Fein⸗ heit und Schwermuth, als ob er wüßte, daß der Haß von zehn Millionen Menſchen auf dieſem Kopf laſtete, aber als hätte er auch zugleich beweiſen wollen, dieſe Laſt über⸗ ſteige ſeine Kräfte nicht.

Herr von Aiguillon hatte die ſchönſten Hände der Welt, von jenen Händen, welche ſelbſt noch unter der Woge der Spitzen weiß und zart erſcheinen. Man hatte in jener Zeit eine beſondere Vorliebe für ein gut gebautes Bein; das des Herzogs war ein Muſter nerviger Zierlich⸗ keit und ariſtokratiſcher Form. Man fand bei ihm die Lieblichkeit des Dichters, den Adel des vornehmen Herrn, die Geſchmeidigkeit und das Markige eines Musketiers. Für die Gräfin war es ein dreifaches Ideal: ſie fand in einem einzigen Modell drei Typen, welche dieſe ſchöne Sinnliche aus Inſtinct lieben mußte.

Durch eine bemerkenswerthe Seltſamkeit, oder beſſer geſagt, in Folge einer Verkettung durch die geſchickte Tak⸗ tik von Herrn von Aiguillon combinirter Umſtände hatten ſich dieſe zwei Helden des öffentlichen Haſſes, die Favoritin und der Höfling, noch nicht von Angeſicht zu Angeſicht bei Hofe mit allen ihren Vorzügen geſehen.

Herr von Aiguillon hatte ſich in der That ſeit drei Jahren viel in der Bretagne oder in ſeinem Cabinet be⸗

ſchäftigt; er war wenig verſchwenderiſch mit ſeiner Perſon

bei Hofe geweſen, da er wohl wußte, es würde eine gün⸗ ſtige oder ungünſtige Kriſe eintreten. Im erſten Fall wäͤre es beſſer, den von ihm Regierten die Vortheile des Unbekannten anzubieten, im zweiten, zu verſchwinden, ohne zu ſtarke Spuren zurückzulaſſen, um ſpäter leicht mit einem neuen Geſicht aus dem Schlunde hervorgehen zu können.

Und dann war ein anderer Grund bei allen dieſen Berechnungen vorherrſchend; dieſer gehört zum Felde des Romans, iſt jedoch der beſſere.