Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 14.-16. Bändchen (1847) Mémoires d'un médecin
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

hatte ein weißes Kleid und trug ein Collier mit einem Kreuz am Hals; obgleich ſie ihr Hotel und ihren Arzt hat, antworten Sie mir aus Mitleid, mein Herr: haben Sie diejenige geſehen, welche ich ſuche?

Mein Herr, antwortete der junge Wundarzt mit einer fieberhaften Heftigkeit, welche bewies, daß die von ihm ausgedrückten Gedanken ſeit langer Zeit in ſeiner Bruſt gohren,mein Herr, die Menſchenliebe leitet mich, für ſie opfere ich mich auf, und wenn ich die Ariſtokratie auf ihrem Sterbebette liegen laſſe, um das leidende Volk aufzu⸗ heben, ſo gehorche ich dem wahren Geſetze dieſer Menſchen⸗ liebe, aus der ich mir meine Göttin gemacht habe. Alles Unglück, was heut zu Tage geſchieht, kommt von Euch her, von Euren Mißbräuchen, von Euren Uebergriffen, von Euren Gewaltthaten; tragt alſo die Folgen Eures Ver⸗ ſerene Nein, mein Herr, ich habe Ihre Schweſter nicht geſehen.

Und auf dieſe donnernde Rede ſetzte der Wundarzt ſeine Arbeit wieder fort. Man hatte ihm eine arme Frau gebracht, der durch einen Wagen beide Beine zermalmt worden waren.

Sagen Sie, fuhr er, mit dieſem Geſchrei den ent⸗ fliehenden Philipp verfolgend, fort,ſagen Sie, ſind es die Armen, die ihre Carroſſen ſo in die oͤffentlichen Feſte trei⸗ ben, daß ſie den Reichen die Beine zermalmen?

Philipp, der zu dem jungen Adel gehörte, welcher den Franzoſen die Lafayette und die Lameth gegeben hat, hatte mehr als einmal dieſelben Maximen ausgeſprochen, die ihn im Munde dieſes jungen Mannes erſchreckten; ihre Anwendung ſiel wie eine Strafe auf ihn ſelbſt zurück.

Mit gebrochenem Herzen entfernte er ſich aus der Gegend der Ambulanz, um ſeine traurige Nachforſchung fortzuſetzen; vom Schmerz hingeriſſen, hörte man ihn nach einigen Sekunden mit einer Stimme voll Thränen:

Andrée! Andrée! 3 rufen. 3 In dieſem Augenblick ging haſtigen Schrittes ein