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müſſen, doch mit einer äußerſten Anſtrengung alle ſeine Kräfte zuſammenraffend, umſchlang er den Leib von An⸗ drée mit ſeinen Armen und ſtützte ſeinen Kopf auf die Bruſt des Mädchens. Man hätte glauben ſollen, er wolle diejenige erſticken, welche er beſchützte.
„Fahre wohl, fahre wohl!“ murmelte er, indem er mehr in ihr Kleid biß, als dieſes küßte.
Dann ſchlug er die Augen zum Himmel empor, um ihn um einen letzten Blick anzuflehen.
Da bot ſich ihm eine ſeltſame Erſcheinung.
Es war auf einem Weichſteine ſtehend, mit der rech⸗ ten Hand ſich an einem in der Mauer befeſtigten Ringe haltend, während er mit der linken Hand eine Armee von Flüchtigen zu ſammeln ſchien, ein Mann, der, indeß deß er dieſes ganze wüthende Meer zu ſeinen Füßen hin⸗ toben ſah, bald ein Wort ausſchleuderte, bald eine Geberde machte. Bei dieſem Worte, bei dieſer Geberde ſah man ſodann, wie mitten unter der Menge ein vereinzelter Menſch ſtehen blieb, eine Anſtrengung machte, kämpfte, ſich anklammerte, um bis zu dieſem Manne zu gelangen.
Andere, welche ſchon bis zu ihm gedrungen waren, ſchienen
in den Neuhinzukommenden Brüder zu erkennen, und dieſe Brüder unterſtützten ſie, indem ſie dieſelben aus der Menge zogen, aufhoben, an ſich riſſen. So war es dieſem Kern von Menſchen, die hier gemeinſchaftlich kämpften, einem Brückenpfeiler ähnlich, der das Waſſer theilt, bereits ge⸗ lungen, die Menge zu theilen und die Maſſen der Flücht⸗ linge im Schach zu halten.
In jedem Augenblick traten neue Kämpfer, welche bei den ſeltſamen Worten, die er ausſprach, bei den von ihm wiederholten ſonderbaren Geberden aus der Erde her⸗ vorzukommen ſchienen, zu dem Gefolge dieſes Mannes.
Gilbert erhob ſich mit einer neuen Kraftanſtrengung; er fühlte, daß dort das Heil war, denn dort war die Ruhe und die Macht. Ein letzter Strahl der Flamme des Gerüſtes, die ſich nur wiederbelebte, um zu ſterben, er⸗
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