Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 9.-13. Bändchen (1846) Mémoires d'un médecin
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Schrei aus, drückte ſeine Lippen Anfangs auf das Kleid, auf die Hand, dann verſchlang er, ermuthigt durch die Gefühllofigkeit, dieſes kalte Geſicht, dieſe unter ihren ge⸗ ſchloſſenen Lidern aufgeſchwollenen Augen. Er erröthete, weinte, brüllte, verſuchte es, ſeine Seele in die Bruſt von Andrée übergehen zu laſſen, und ſtaunte, daß ſeine Küſſe, welche einen Marmor erwärmt hätten, ohne Kraft bei dieſem Leichnam blieben.

Plötzlich fühlte Gilbert das Herz unter ſeiner Hand ſchlagen.

Sie iſt gerettet! rief er, indem er dieſe ſchwarze, blutige Menge entfliehen ſah und die Verwünſchungen, das Geſchrei, die Seufzer und den Todeskampf der Opfer hörte.Sie iſt gerettet! und ich bin es, der ſie ge⸗ rettet!

Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Augen nach der Brücke gerichtet, hatte der Unglückliche nicht zu ſeiner Rechten geſchaut; zu ſeiner Rechten, vor den Car⸗ roſſen, welche lange durch die Maſſen aufgehalten worden waren, die nun, minder feſt zuſammengepreßt, zu weichen anfingen, zu ſeiner Rechten vor den Carroſſen, welche bald im Galopp fortbrauſten, als ob Kutſcher und Pferde von einem allgemeinen Schwindel ergriffen worden wären, flohen zwanzigtauſend Unglückliche, die ſich gegenſeitig verſtüm⸗ melten, zermalmten,.

Inſtinktartig flohen ſie längs den Mauern hin, an denen die Nächſten zerſchmettert wurden.

Dieſe Maſſe riß alle diejenige 7 welche bei dem Garde⸗Meuble Fuß gefaßt und ſich Aus dem Schiffbruch gerettet glaubten, mit ſich fort oder erſtickte ſie auf der Stelle. Eine neue Sündfluth von Schlägen, von Körpern, von Leichnamen überſtrömte Gilbert; er fand eine von den Vertiefungen, welche die Gitter bildeten, und hielt ſich daran.

Das Gewicht der Flüchtlinge machte die Mauer er⸗ krachen.

Gilbert fühlte ſich keuchend nahe daran, loslaſſen zu

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