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„Mein Herr, ich ſehe, daß Sie Ihr Brod den Vö⸗ geln zuwerfen, als ob nicht geſagt wäre, Gott er⸗ nähre ſie.“
„Er ernährt ſie allerdings, junger Mann,“ antwortete der Fremde;„doch die Hand der Menſchen iſt eines von den Mitteln, die er anwendet, um zu dieſem Ziele zu ge⸗ langen. Wollen Sie mir hiemit einen Vorwurf machen, ſo haben Sie Unrecht, denn nie iſt in einem öden Walde oder auf einer bevölkerten Straße das Brod, das man auswirft, verloren. Dort tragen es die Vögel fort, hier heben es die Armen auf.“
„Nun, mein Herr,“ ſagte Gilbert, ſeltſam bewegt von
der eindringlichen und ſanften Stimme des Greiſes,„ob⸗
gleich wir hier in einem Walde ſind, kenne ich doch einen Menſchen, der Ihr Brod den kleinen Vogeln ſtreitig ma⸗ chen würde.“
„Sollten Sie das ſein,“ rief der Greis,„ſollten Sie zufällig Hunger haben?“
„Großen Hunger, mein Herr, ich ſchwöre es Ihnen, und wenn Sie mir erlauben...“
Der Greis ergriff ſogleich das Brod mit einem eifri⸗ gen Mitleid. Aber plötzlich bedachte er und ſchaute Gil⸗ bert mit ſeinem zugleich ſo lebhaften und ſo tiefen Auge an.
Gilbert glich in der That nicht ſo ſehr einem Aus⸗ gehungerten, daß eine Ueberlegung nicht erlaubt geweſen wäre; ſein Kleid war reinlich und dennoch an einigen Stellen durch die Berührung der Erde befleckt. Seine Wäſche war weiß, denn er hatte am Tage vorher ein⸗ Hemd aus ſeinem Bündel gezogen, und dennoch war die⸗ ſes Hemd von der Feuchtigkeit verkrümpelt. Es war alſo ſichtbar, daß Gilbert die Nacht im Walde zugebracht.
Er hatte beſonders bei allem dem jene weißen, zarten Hände, welche mehr den Mann der unbeſtimmten Träu⸗ merei, als den materiellen Arbeiter bezeichnen.
WRt Es gebrach Gilbert nicht an Takt; er begriff das Mißtrauen und das Zaudern des Fremden in Beziehung
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