Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : [Erste Abteilung] : 9.-13. Bändchen (1846) Mémoires d'un médecin
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Der Hunger machte Gilbert noch philoſophiſcher und er ſetzte ſeine geiſtigen Betrachtungen fort.

In der That, ſagte er,iſt nicht Alles den Men⸗ ſchen auf Erden gemein? Gott, dieſe ewige Quelle aller Dinge, hat er dieſem oder jenem die Luft, welche den Boden befruchtet, oder den Boden, der das Getreide be⸗ fruchtet, gegeben? Nein, es haben nur Mehrere urſurpirt; doch in den Augen des Herrn, wie in den Augen des Philoſophen, beſitzt Niemand; derjenige, welcher hat, iſt nur der, welchem Gott geliehen hat.

Gilbert faßte mit einem natürlichen Verſtand die ſchwankenden, in jener Zeit unentſchiedenen Ideen zu⸗ ſammen, welche die Menſchen in der Luft ſchweben und über ihren Kopf hinziehen fühlten, wie die Wolken, die nach einem Punkte getrieben werden und ſich anhäufend am Ende einen Sturm bilden.

Einige, fuhr Gilbert, während er ſeinen Weg ver⸗ folgte, fort,Einige behaupten mit Gewalt, was Allen gehoͤrt; dieſen kann man mit Gewalt entreißen, was ſie nur zu theilen berechtigt ſind.

Wenn mein Bruder, der zu viel Brod für ſich hat, mir einen Theil von ſeinem Brod verweigert, nun!... ſo nehme ich es ihm mit Gewalt und ahme hierin das animaliſche Geſetz nach, das die Quelle iſt von allem geſunden Men⸗ ſchenverſtand und aller Billigkeit, denn es entſpringt dem natürlichen Bedürfniß. Wofern jedoch mein Bruder nicht zu mir ſagt:Der Theil, den Du forderſt, iſt der von meiner Frau und meinen Kindern; oder auch:Ich bin ſtärker als Du, und werde dieſes Brod trotz Deiner Einſprache eſſen.*

Gilbert war in dieſer Stimmung eines nüchternen Wolfes, als er zu einer Lichtung gelangte, deren Mittel⸗ punkt eine Pfütze mit röthlichem, von Schilfrohr und Nympheen eingefaßten Waſſer bildete. 1

Auf dem grasbewachſenen Abhang, der bis zu dem Waſſer lief, welches in allen Richtungen von langfüßigen 4

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