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hatte er ſeinen Rock und ſeine Weſte abgelegt, um irgend einen rieſigen Kaſtanienbaum zu erklettern; als er aber den Gipfel deſſelben erreichte, ſah er nur Verſailles, Ver⸗ ſailles bald zu ſeiner Rechten, bald zu ſeiner Linken, Ver⸗ ſailles, wohin ihn ein Mißgeſchick beſtändig zurückzuführen ſchien.
Halb verrückt vor Wuth, blieb Gilbert, der ſich nicht auf die Landſtraße wagte, in der Ueberzeugung, ganz Lu⸗ ciennes laufe ihm nach, immer in der Mitte des Waldes, und kam endlich über Viroflay, Chaville und Sévres hinaus.
Es ſchlug halb ſechs Uhr in dem Schloſſe Meudon,
als er das zwiſchen der Manufactur und Belle⸗Vue lie⸗ gende Kapuzinerkloſter erreichte: hier ſtieg er auf ein Kreuz, mit der Gefahr, es zu zerbrechen und ſich rädern zu laſſen, wie Sirven durch den Spruch des Parlaments, und erblickte die Seine, den Flecken und den Rauch der erſten Häuſer.
Aber neben der Seine, mitten im Flecken, vor der Schwelle dieſer Häuſer, lief die Landſtraße von Verſailles hin, von der er ſich nothwendig fern halten mußte.
Gilbert war einen Augenblick weder mehr müde, noch
hungrig. Er ſah am Horizont einen großen Haufen von Häuſern, welche ſich im Morgendunſte verloren, dachte, es wäre Paris, nahm ſeinen Lauf in dieſer Richtung und hielt nicht eher an, als bis er fühlte, daß ihm der Athem ausging. Er befand ſich mitten in dem Walde von Meu⸗ don, zwiſchen Fleury und Pleſſis⸗Piquet.
„Vorwärts, vorwärts,“ ſagte er umherſchauend,„keine falſche Scham. Ich muß nothwendig einem frühzeitigen Arbeiter begegnen, einem von denjenigen, welche ein großes Stück Brod unter dem Arm an ihr Geſchäft gehen. Ich ſage zu ihm:„„Alle Menſchen ſind Brüder und müſſen ſich folglich gegenſeitig unterſtützen. Ihr habt da mehr Brod, als Ihr, nicht nur für Euer Frühſtück, ſondern für den ganzen Tag braucht.““ Und dann wird er mir die Hälfte ſeines Brodes reichen.


