249 Blicke. Sie wußte nicht, nach welchem Punkte ſie ſich wenden ſollte, blieb einen Augenblick unentſchieden, ſchaute nach allen Seiten, ſtieß, als ſie ſich in der Nacht und im Stillſchweigen, dieſem doppelten Symtome des Todes, allein ſah, ein herzzerreißendes Geſchrei aus und fiel auf das Pflaſter nieder. 1
Es ſchlug zwei Uhr.
Mittlerweile, und als dieſelbe Stunde im Glockenthurme des Temple erſcholl, las die Königin bei einer rauchenden Lampe zwiſchen ihrer Tochter und ihrer Schwägerin ſitzend und vor den Blicken der Municipale durch Madame Royale verborgen, welche ſich ſtellte, als umarmte ſie ihre Mutter, las die Königin, ſagen wir, wiederholt ein kleines Billet, geſchrieben auf Papier ſo zart, als man es nur immer hatte finden können, mit einer ſo feinen Handſchrift, daß kaum ihre durch die Thränen verſengten Augen die Kraft beſaßen, ſie zu entziffern.
Das Billet enthielt folgende Worte:
„Morgen Dienſtag verlangen Sie die Erlaubniß, in den Garten hinabzugehen, was man Ihnen ohne Schwierig⸗ keiten zu machen, geſtatten wird, inſofern Befehl gegeben iſt, Ihnen dieſe Vergünſtigung zu gewähren, ſobald ſie die⸗ ſelbe fordern werden. Wenn Sie drei oder viermal auf und abgegangen ſind, ſtellen Sie ſich, als ob ſie müde wären, nähern Sie ſich der Weinbude und bitten Sie die Frau Plumeau um Erlaubniß, ſich bei ihr ſetzen zu dürfen. Nach einem Augenblick geben Sie ſich den Anſchein, als ob Sie noch ſchlimmer würden und in Ohnmacht fielen. Dann wird man die Thüren ſchließen, damit man Ihnen Hülfe leiſten kann, und Sie werden ſich mit Madame Eli⸗ ſabeth und Madame Royale allein befinden. Sogleich wird ſich die Kellerthüre öffnen, ſtürzen Sie ſich, Sie, Ihre Schwägerin und Ihre Tochter durch dieſe Oeffnung, und Sie ſind alle Drei gerettet.“
„Mein Gott!“ ſprach die junge Prinzeſſin,„ſollte unſer unglückliches Geſchick endlich müde geworden ſein?“
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