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Schatz meines Herzens weder in meinem Gold, noch in meinen Juwelen beſteht. Canolles, ſoll alles Dieß nicht dazu dienen, mich von Euch zu entfernen?“
„Nanon, nicht wahr, Ihr haltet mich für einen Mann von Ehre? Wohl, bei meiner Ehre, was ich thue, wird mir einzig und allein von der Furcht vor der Gefahr, der Ihr preisgegeben ſeid, eingegeben.“ 1
„Und Ihr glaubt im Ernſte an dieſe Gefahr?“
„Ich glaube, daß die Inſel Saint⸗George morgen genommen ſein wird.“
„Aber wie?“
„Ich weiß nicht, aber ich glaube es.“
„Und wenn ich zur Flucht einwillige?
DSo werde ich Alles thun, um zu leben, Nanon, das ſchwoͤre ich Euch.“
„Ihr befehlt, Freund, und ich gehorche,“ ſagte Nanon, ihm die Hand reichend, und ſie vergaß in ihrem Eifer, ihn anzuſchauen, die zwei ſchweren Thränen, welche an ihren Wangen herabliefen.
Canolles drückte Nanon die Hand und ging hinaus. Wäre er noch einen Augenblick geblieben, ſo würde er dieſe zwei Perlen mit ſeinen Lippen aufgefaßt haben, aber er legte die Hand auf den Brief der Vicomteſſe, und dieſer
Brief verlieh ihm, einem Talisman ähnlich, die Kraft, ſich zu entfernen.
Der Tag war grauſam. Die ſo beſtimmte Drohung: „Morgen wird die Inſel Saint⸗George genommen ſein,“ toſte unabläßig in den Ohren von Canolles. Wie? durch welches Mittel? welche Gewißheit hatte die Vicomteſſe, um ſo zu ihm zu ſprechen? Würde er zu Waſſer, würde er zu Lande angegriffen werden? Von welchem Punkte aus ſollte dieſes unſichtbare, aber dennoch gewiſſe Unglück über ihn einbrechen? Es war, um verrückt zu werden.
So lange der Tag währte, verbrannte Canolles, überall ſeine Feinde ſuchend, die Augen in der Sonne. Am Abend gebrauchte Canolles ſeine Augen, um die


