Teil eines Werkes 
Das Braut-Kleid : drei Theile : Teil 1 (1845)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

229

verrichtet, ihren Dank Ihm dargebracht hatte, eilte ſie

zur Marquiſe, um ihr dieſe gute Nachricht zu hinter⸗ bringen. Die Marquiſe war in dem Leſen eines neuen Romans begriffen, deſſen gekünſtelte Liebſchaften ſie mehr, als die wirkliche Liebe ihrer Enkelin anſprachen; ſie machte aber nichtsdeſtoweniger Cäcilien ihre auf⸗ richtigen Glückwünſche und küßte ſie auf die Stirne.

Nun, mein Kind, ſagte ſie,Du ſiehſt wohl, daß Deine arme Mutter gewöhnlichen Verſtand nicht hatte, als ſie auf dieſes Heirathsproject mit den Du⸗ vals einging, und daß ich allein recht hatte. Du ver⸗ dankſt alſo mir allein Dein Glück, mein Kind; vergiß das nie.

Cäcilie kehrte mit zerriſſenem Herzen nach ihrem Zimmer zurück. Dieſer Vorwurf, welcher ihrer armen Mutter in dem Augenblicke gemacht wurde, in welchem ſie ſo glücklich war, machte ſie bis auf den innerſten Grund ihres Herzens erbeben.

Wie ſie vorhin ſich niedergekniet hatte, um Gott zu danken, ſo kniete ſie ſich jetzt noch einmal nieder, um ihre Mutter um Vergebung zu bitten.

Dann las ſie den Brief wohl zehnmal wieder, und endlich ſetzte ſie ſich zur Arbeit an ihr Hochzeitkleid.

Man hätte glauben ſollen, daß das arme Kind die Stickerei gerade auf die Zurückkunft berechnet habe, und daß die Stickerei zu enden und Heinrich wieder⸗ zuſehen das Werk des nämlichen Augenblicks ſein müſſe; denn kaum hatte ſie noch acht Tage zu arbeiten.

Faſt neun Monate würden dann zwiſchen der er⸗ ſen und der letzten Blume dieſer glanzvollen Zeichnung iegen.

Aber mit welcher Seele, mit welcher Freude, mit welchem Glücke arbeitete ſie jetzt. Wie dieſe Blumen unter ihren Fingern ſich belebten! Wie ſie, Rivalinnen der Töchter des Frühlings, Töchtern der Liebe glichen! Und wie ſie Anfangs Zeugen ihrer Traurigkeit waren,

ſo waren ſie nun Zeugen ihres Glücks.