Zeiten das Vorrecht gehabt haben, die Köpfe derer zu verrücken, die ſich ihrer ſicher glaubten. Sie war ge⸗ rade nicht ſchön, überhaupt nach der Art, was man zu jener Zeit unter ſchön begriff, wo die Gemälde Da⸗ vids faſt ganz Frankreich zu dem Geſchmacke der Grie⸗ chen zurückgeführt hatten, der ſo glücklicher Weiſe wäh⸗ rend der beiden vorhergehenden Regierungen aufgegeben worden war; nein, im Gegentheile war ihre Schoͤnheit von einer launenhaften Phantaſie. Vielleicht waren ihre Augen zu groß, ihre Naſe zu klein, ihre Lippen zu roth, ihr Teint zu durchſichtig; aber es war nur in den Momenten, in welchen dieſes reizende Geſicht ruhig war, daß man dieſe auffallenden Fehler wahrnehmen konnte; denn ſo wie es ſich durch irgend einen Aus⸗ druck belebte, dann war dieſes Geſicht, deſſen Bild wir hier zu entwerfen wagen, im Stande, jeden möglichen Ausdruck anzunehmen, den der ſchüchternſten Jungfrau, ſo wie den der ſchamloſen Bacchantin; ſo wie es ſich belebte, durch irgend einen Ausdruck der Traurigkeit oder der Freude, des Mitleides oder des Scherzes, der Liebe oder der Verachtung, da ſtanden alle Züge dieſes niedlichen Geſichts in ſo voller Uebereinſtimmung, daß man nicht ſagen konnte, welchen dieſer Züge man än⸗ dern möchte; ſo wie ſie zuverläſſig zu einer Regelmäßig⸗ keit des Ganzen beitrugen, ſo würde man durch das Hinwegnehmen irgend eines das Pikante der Phyſio⸗ gnomie geraubt haben. Dieſe Dame hielt eine Papierrolle in der Hand, auf welche Zeilen von verſchiedener Handſchrift geſchrie⸗ ben waren. Von Zeit zu Zeit erhob ſie die Hand mit einer Art von Ermattung, aber voll Anmuth, brachte das Manuſcript vor ihre Augen, las einige von dieſen Linien, rümpfte anmuthsvoll die Naſe, ſtieß einen Seuf⸗ zer aus, ließ die Hand zurückfinken, und dieſe ſchien jeden Augenblick bereit, ſich zu öffnen und die verwünſchte Papierrolle fallen laſſen zu wollen, welche für dieſen
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