Teil eines Werkes 
1. Th. (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—————

30

erſchrak, und das war jetzt der Fall geweſen über den gleichſan drohenden Enthuſiasmus des Fräulein von Wartensleben. Sie blickte ihre Nachbarin, die jetzt mit leidenſchaftlicher Aufmerkſamkeit an dem Geſpräch des Dramatikers und des Schauſpielers hing, prüfender an als bisher und fand in ihr eine hohe, feine Geſtalt mit Race und Grazie, und ein Geſicht, auf welchem das Gepräge der Schönheit noch ſichtbar, aber freilich ſchon verwiſcht war, denn Fräulein von Wartensleben zählte wenigſtens vierzig Jahre, und mit vierzig Jahren kann nur eine Frau noch jung ſein. Warum Fräulein von Wartensleben nicht Frau geworden ſei, das fragte Cäcilie ſich ſo gut wie jeder, der entdeckte, wie ſchön das Fräulein geweſen ſein mußte. Sie ſprach jetzt über den Tiſch hinüber in die Diskuſſion der beiden Männer hinein. Was ſie ſagte, verrieth Anlage zum Scharfſinn aber keine Ausbildung desſelben, überhaupt Mangel an Entwicklung. Cäcilie hatte für ſie plötzlich das Gefühl eines aufrichtigen Mitleids, ihr war es, als müſſe dieſe Seele an Ohnmacht ſchon viel gelitten haben, und doch ſchien das Fräulein in dieſem Augenblicke gerade ſehr gewiß, daß es irgend einen beabſichtigten Eindruck wirklich hervorbringe. Cäcilie wußte ſich das Ausſehen ihrer Nachbarin und die Empfindung, welche dieſe in ihr ſelbſt erregte, nicht zuſammen zu reimen.