Teil eines Werkes 
2. Th. (1833)
Einzelbild herunterladen

227

gehöhnt und verachtet. Nun zog ſie ſich ganz in die Einſamkeit ihrer Zelle zurück und zeigte, wenn die Umſtände ſie nöthigten, unter den Kloſterfrauen zu erſcheinen, eine Kälte und einen Stolz, zu dem ſie glaubte ein Recht in ihrem Selbſtbewußtſeyn zu finden. Oft drängte ſich jener Abend, wo Otto⸗ kar im Schloſſe ihres Vaters erſchienen, wo dann das verhängnißvolle Loos ihres Lebens gefallen war, in ihre Erinnerung zurück. Sie konnte ſich nicht bergen, daß der junge Mann anfangs einen höchſt günſtigen Eindruck auf ſie gemacht hatte, ſie fühlte ſich jetzt in ihrem Innern demüthiger als ſonſt, ſie geſtand ſich, daß ſie damals wohl zu hart gegen ihn verfahren ſey. Unter dieſen Empfindungen, in dieſer Lage empfing ſie eines Tages einen Brief von Ottokar's Schweſter. Da lag mit einem Male ihr ganzes ſchweres Unrecht, das ſie gegen

einen Unſchuldigen geübt, offen vor ihrer Erkennt⸗

niß, da konnte ſie ſich wahrhaft anklagen, einen edeln Jüngling ins Verderben geſtürzt zu haben, da trat aber auch ebenſo lebendig und gebieteriſch die Pflicht, dieſes Ubel wieder gut zu machen, wenn ſie es vermöge, vor ihre Seele. Von Ottokar's

ſtiller Liebe ſtand nichts in dem Briefe, aber ein

weibliches Herz ahnet leicht und weit, ob es ſchon ſeine Ahnungen ſich ſelbſt verbergen möchte. Hed⸗ 15*