Harren und Sorgen. 37
daß das ein Zuſtand iſt, der es zuweilen getroſt mit den Schrecken einer wirklichen Robinſoniade aufnehmen kann.
Sie war allein im Zimmer und hatte das Buch, in welchem ſie bisher geleſen, ſinken laſſen. Tief zurückge⸗ lehnt und die Hände läſſig im Schooße ruhend, ſaß ſie ſchweigend und regungslos; zwiſchen ihren Fingern hatte ſie die kleine ſilberne Glocke, durch welche ſie ſonſt die Jungfer herbeizurufen pflegte, allein ſie hatte nicht ge⸗ klingelt, die Finger umſpannten das Metall, ſo daß, wenn ſie das Inſtrument einmal bewegten, nur ein klappernder Ton laut wurde. Aber ſelbſt dieſe Bewegung fand nur mechaniſch ſtatt. Hebe wußte eben von der Glocke ver⸗ muthlich ſo wenig wie von ihrer anderen Umgebung. Sie ſah in die Flämmchen der Lichter des Armleuchters, die feinen Brauen zeigten ſich ein wenig herabgezogen, und zwiſchen ihnen erſchienen auf der reinen weißen Stirn ein paar kleine, aber gar ernſte Falten.
Die Einſamkeit mußte ihr aber augenblicklich doch wohl nicht unwillkommen ſein, denn als jetzt die Thür geöffnet wurde und Fanny hereinſchlüpfte, wurden jene Fältchen faſt noch ſichtbarer, und in dem Blick des Auges, welches ſich langſam der Nahenden zudrehte, zeigte ſich eine Art von leiſem Verdruß.—„Was gibt's?“ fragte ſie kurz.
„Gnädige Gräfin— der Herr Bruder ſind da,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen raſch und gedämpft.
„Mein Bruder Eberhard? Jetzt? Heimlich?“— Hätte ſie's vermocht, ſie wäre wirklich vom Stuhle aufgeſprungen, ſo zuckte ſie empor.—„Aber weßhalb kommt er noch nicht?


