30 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
digung mit der betreffenden, dem Grafen Eberhard be⸗ kannten und verwandten Familie.
Hebe glaubte faſt ein Recht zu haben, die Vorſicht des Bruders zu ſchelten. Sie ſah nirgends wirkliche Ge⸗ fahr, denn was konnten ſelbſt im unglücklichſten Falle der ſpionirende Diener und der Douanier, welche damals den reiſenden Jäger geſehen, weiter bemerken, als eine Art von Aehnlichkeit? Daß die verbergende, am meiſten ent⸗ ſtellende Binde über dem unverletzten Auge zum ſchwerſten Anklagepunkt werden könnte, daran dachte Hebe nicht; ſelbſt ſie war eben zuerſt die Frau, die in ihrer Gefühls⸗ Auffaſſung und Anſchauung und trotz ihres glänzenden und durchdringenden Verſtandes manche Häkchen und Winkel überſah, die einem ernſtlich überlegenden Manne, zumal einem Beamten, zu allererſt vor Augen getreten wären.
Hoven war nicht da— es war wie ein Refrain in ihrem Denken. Und die Stunde der Entſcheidung konnte nahe, ſehr nahe ſein. Denn es ging etwas vor im Lager der Feinde und, wie ſie argwöhnte, faſt unter ihren Au⸗ gen, was ſie deſſen ungeachtet nicht ſah, was ſie nicht verſtand, was ſie nicht zu verhindern vermochte. Dieſe Ungewißheit, dieſe unbeantworteten Fragen, dieſe Unthä⸗ tigkeit vor allen Dingen peinigten ſie mehr, als ſich ſagen und beſchreiben läßt. Sie hatte ſich niemals unbehaglicher und geradezu ſorgenvoller gefühlt.
Nicht die unbedeutendſte der Fragen und die gleich⸗ gültigſte der Sorgen war, daß Renaud bisher noch immer
keine Miene machte, das Schloß zu verlaſſen. Im Gegen⸗
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