36 Zweites Kapitel.
ſie jedoch unbeküämmert und im früheren Tone weiter. „Habe ich etwas Dummes geſagt? Das müſſen Sie mir verzeihen, mein lieber General; meine Erziehung iſt nach manchen Seiten hin vernachläſſigt und meine Begabung in Folge meiner einſeitigen Abſtammung eine höchſt un— bedeutende—“
Ein tiefer Athemzug des Vaters, der faſt wie ein Seufzer klang, ließ ſie inne halten. Der alte Herr wiegte den großen Kopf ſehr gravitätiſch hin und her.„Mein Kind,“ ſagte er dann,„was iſt denn heut in der Luft, daß du ſo ganz beſonders geneigt biſt zum Schwärmen? Sie hätten für meine Tochter in Wahrheit gar keine paſſendere Bezeichnung finden können, mein Herr General, als die einer„boshaften Weſpe“. So hartnäckig ſummt und ſticht ſie!“
„Nur, daß man dieſe Stiche gern duldet; ſie ſchmer⸗ zen nicht, ſondern erheitern uns nur,“ bemerkte der ga⸗ lante Franzoſe lächelnd.
Der Graf verdrehte ein wenig die großen, runden Augen und zuckte die Achſeln.„Sie ſind eben nicht ihr Vater und nicht darauf angewieſen, dieſe ſüßen Stiche ſtets zu fühlen!“ meinte er mit einem Verſuche zu ſcher⸗ zen, der ihm jedoch nicht leicht werden mochte. Als in dieſem Augenblick eine Thür geöffnet wurde und ein Diener ſich dem alten Herrn mit einem ſilbernen Teller nahte, auf dem mehrere Briefe lagen, nahm er dieſelben wenigſtens mit einer Art von freudiger Haſt entgegen und redete zum General gewendet in einem Tone, der förmlich erleichtert klang:„Sie haben erlaubt, daß wir


