——
10
herunter, den einzigen Weg, welcher aus der Welt zur Lau⸗ waſſernymphe von Weißenburg führt. Voran ritt auf Herrn Müllers bekanntem alten tückiſchen Mauleſel ein junger blaſſer Mann in gewählter Reiſekleidung und von vornehmem Aus⸗ ſehen. Hinterher kam der braunlederne Tragſeſſel, von zwei keuchenden und ſchwitzenden Trägern geſchleppt, und im Trag— ſeſſel eine Dame von ſtarkem Embonpoint. Neben dem Trag⸗ ſeſſel ging ein reich gallonirter Livree⸗Bedienter, mit allerlei rothen und blauen und grünen Tüchern, Mänteln, Regen⸗ und Sonnenſchirmen belaſtet.„Ah!“ hieß es da auf den grünen Bänken und im Pavillon,„da kommt die Herrſchaft für Nr. 1 und 2. Das müſſen vornehme Leute ſein!“
Ob dem Aufſehen, welches die Ankunft dieſer friſchen, ſo pompös aufziehenden Badegäſte machte, achtete kein Menſch der Leute, welche ein Paar Dutzend Schritte hinter der frem⸗ den Herrſchaft her ebenfalls auf das Bad zugeſteuert kamen. Es war ein altes kleines Männchen in mausgrauem Ueber⸗ rock, das vorſichtig auf ſeinen Stock geſtützt den gähen Rain herunter ſchritt. Neben ihm ging ein halberwachſenes Mäd⸗ chen in äußerſt ſauberer Landestracht und mit zwei goldfar⸗ bigen langen Zöpfen, die ihm unter dem Brienzer Hut her⸗ vor über den Rücken hingen.
Die dicke Dame und ihr Livreebedienter, der blaſſe junge Mann, der mausgraue Alte und die kleine Siebenthalerin langten ungefähr zugleich vor der Thüre des Kurhauſes an. Wie war da die ganze löbliche Geſellſchaft im Pavillon und auf den grünen Bänken erſtaunt, als Herr Müller das maus⸗ graue Männchen und ſeine junge Begleiterin mit achtungsvoll⸗ ſter Zuvorkommenheit ohne weitere Bemerkung in die Zimmer Nr. 1 und 2 führte, die vornehme Herrſchaft aber zuerſt ſte— hen ließ und endlich derſelben mit vielem Achſelzucken, Lächeln und unendlichem Leidweſen erklärte, es ſei kein Platz für ſie da. Entweder müßten die Herrſchaften ins Dorf zurück, oder ins hintere Bad, oder aber, bis und ſo lange das eine oder


